BBL

Mit Herz und Hirn - Otto Reintjes im Portrait

Frankie am 02.03.2005 um 20:42

Er sieht älter aus – irgendwie weniger glamourös. Die Haare wachsen seit kurzem wieder – der Yul-Brynner-Look ist passé. Mit grün-getönter Brille, doch ohne obligatorischen Anzug und Flügelkragen, sitzt Otto Reintjes ganz in Blue-Jeans gekleidet an seinem Esstisch. Der Blick schweift über Felder und Wiesen. "Im Sommer sogar mit Kühen", sagt Ehefrau Christine. Wer den ersten und wohl letzten Commissioner der Basketball-Bundesliga Anfang 2005 besuchen will, fährt über Land. Reintjes empfängt den Besuch in seinem Häuschen droben im Bergischen Land. Zwischen Ortschaften die "Sträßchen" oder "Blecher" heißen, lebt er seit über 20 Jahren unweit von Leverkusen in einer Gegend, die doch ganz anders ist, als die langjährige Wirkungsstätte des 55-Jährigen.

Vielleicht ist es gerade der Kontrast zwischen ländlicher Idylle und schmuddeligem Industrie-Charme, der erklären hilft, wie einer der prominentesten Basketballköpfe Deutschlands tickt. Draußen in Odenthal, wo Reintjes jedes Jahr an Rosenmontag mit den "Blecher Pänz und Bergischen Familien" am örtlichen Karnevals-Zug teilnimmt, wirkt der Commissioner so gar nicht staatsmännisch. Eher wie ein Frührentner, dessen Hobbys aus Heimwerken oder Kochen bestehen. "Mir war es eben wichtig, dass die Liga einen visuellen Kopf hatte", sagt er. "Den habe ich gespielt." Wenn er während der zurückliegenden fünf Jahre an öffentlichen Terminen teilnahm, dann als BBL-Commissioner – und der hatte sich seines Erachtens in einer ganz bestimmten Form zu bewegen. "Es war mir immer klar, dass mich einige Leute als arroganten, abgehobenen Funktionärs-Heini sahen." Als einen, der über allem schwebt, die letzten Entscheidungen trifft "und sowieso der letzte Arsch ist". Diese Rolle habe aber reichlich wenig mit ihm zu tun. "Ich persönlich bin da ganz anders."

In Frankfurt geboren, wuchs Reintjes in Stuttgart auf. 1968 war er Azubi bei Siemens. Statt mit Joschka Fischer in einer Studenten-WG zu debattieren, wohnte er zuhause. Statt gegen das Establishment zu sein, war er schon damals für Basketball. Seine Leinen-Chucks immer im Turnbeutel, fuhr er mit der Straßenbahn zu Arbeit – danach ins Training: "Mehr gab es damals nicht für mich", so Reintjes. Zu einer Zeit, in der Sport in Deutschland fast ausschließlich aus "Kicken" bestand, verdankt Reintjes genau diesem Umstand seine Basketballkarriere. Wegen nachlassender schulischer Leistungen verboten seine Eltern dem 16-Jährigen das Fußballspielen. Als die Zensuren langsam besser wurden, hatte der Pennäler aber längst den Rat seines Turnlehrers befolgt: "Otto, du hast Talent. Versuch's doch mal mit Basketball."

Versucht wurde meist unter abenteuerlichen Bedingungen. Turnhallen waren knapp und Freiplätze Fremdwörter. "Ich weiß noch, ein Kumpel von mir wohnte in einem Siedlungshaus, wo wir uns immer trafen", erinnert sich Reintjes. "An seinem Hauseingang ging es ein paar Treppen hoch, und über der Tür war ein kleiner gotischer Bogen. Darauf zielten wir, blieb der Ball oben liegen – war es ein Punkt." Doch so schlecht kann die harte Schule nicht gewesen sein: Aus dem Pimpf wurde ein "sehr verbissener" (Reintjes) Aufbauspieler, der es immerhin zu acht A-Nationalspielen, zwei Deutschen Meisterschaften (1972 und 1976 mit Leverkusen) und drei Pokalsiegen (1972, 1974 und 1976) brachte.

Später dann das Studium (Sozialarbeit und Sozialwissenschaft) in Bochum und Köln. Dann die kurze Phase als Trainer und schließlich der Sprung zum Manager bei Bayer 04 Leverkusen. Die "Riesen vom Rhein" wuchsen unter Reintjes – sein Name ist mit den sieben Meisterschaften (1991 bis 1996) genauso eng verbunden wie Dirk Bauermanns oder Micheal Kochs. "D'r Kerle hot's gschafft" – wird man zuhause in Stuttgart den sagenhaften Aufstieg des Otto Reintjes kommentiert haben.

Doch es sollte noch besser kommen. Als die AG Basketball Bundesliga sich 1999 unter dem Dach des Verbandes (DBB) konstituierte, war Reintjes an der Seite von Wolfgang Hilgert (ehemaliger Bayer-Geschäftsführer und heute DBB-Vizepräsident) einer der eifrigsten Konstrukteure. "Seit 1985 war Otto der emsigste Wegbereiter in Sachen professioneller Strukturen", so Hilgert. Folgerichtig sollte er dem bis dato einmaligen Ligamodell vorstehen; als Commissioner. "Ich fand den Namen passend, weil wir als BBL sportorganisatorisches Neuland betraten. Der Titel Geschäftsführer schien dafür nicht geeignet", sagt Reintjes.

Obwohl der "Commissioner" ein Prototyp war, "gab es nie so etwas wie ein klares Aufgabenprofil". Reintjes wurde installiert und sollte erst einmal los laufen. Anfänglich war ja auch jede Menge zu tun – erfreuliches noch dazu. Im Sommer 2000 kam es auf der internationalen Film- und Fernsehmesse (Düsseldorf) in einer Garderobe zur historischen Unterschrift: Der sagenhafte Kirch-Vertrag. Dieser Moment zaubert Reintjes noch heute einen verklärten Glanz in die Augen. Wovon er sein ganzes (Basketball)Leben geträumt hatte, sollte Wirklichkeit werden. Ein Live-Spiel (DSF) pro Woche dazu eine Magazinsendung auf einem der großen Privatsender (SAT.1) – und das alles über die eigne Liga! Finanzvolumen: Rund fünf Millionen Mark pro Jahr. Besser kann man seinen Job kaum beginnen – schon gar nicht, wenn der Deal im Idealfall über fünf Jahre laufen sollte.

"Basketball ist geeignet, einen Lifestyle zu schaffen, der moderne Lebensbereiche wie Sport, Mode, Musik und Kommunikation kreativ verbinden kann", ließ sich Reintjes auf einer Pressekonferenz in Berlin zitieren. Weitere New-Economy-Slogans sollten folgen: "Wenn ein Engagement im Sportsponsoring zur Kommunikationsphilosophie und Strategie von Firmen wie s.Oliver, Deutsche Bahn oder Direkt-Anlagebank passt, dann ist es die s.Oliver BBL", so Reintjes im Herbst 2000. "Wo sonst werden die Vernetzungspotenziale im On-Air- und Off-Air-Bereich schon so umfangreich genutzt." Aus dem hemdsärmligen Manager eines biederen Werksclubs war der wortgewandte Sprecher einer aufstrebenden Liga geworden: Die Geburt des Commissioner war vollzogen. Erste kritische Gegenstimmen sollten folgen.

Beim ALLSTAR-Day in Berlin begrüßte Reintjes Innenminister Otto Schily, plauschte mit Bahnchef Hartmut Mehdorn und schüttelte auf dem 50. Geburtstag seines neuen Freundes, Dr. Stefan Ziffzer (Ex-DSF-Chef), sogar Leo Kirchs Hand. Dass er das alles aus Liebe zum Spiel tat, sagte er keinem – geglaubt hätte es ihm wahrscheinlich sowieso niemand. In jener Zeit muss sich Reintjes das Image erworben haben, dass ein nicht namentlich genanntes BBL-Präsidiumsmitglied im Frühjahr 2004 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung so formulierte: "Otto ist ein beratungsresistenter Sonnenkönig."

Doch Reintjes als profilgeilen Vorturner zu bezeichnen, greift zu kurz. Als Ende vergangenen Jahres eine kleine Gruppe Basketballverrückter an der Kölner Sporthochschule versuchte, den Weltrekord im "Dauer-Basketball-Spielen" zu brechen, warf Reintjes den ersten Sprungball. Gesehen hat das kaum einer. Auch die zahllosen E-Mails oder persönlichen Anfragen beantwortete er im Stillen – um Stellungnahme war er selten verlegen. "Ich habe mich in meiner Rolle immer so gesehen, dass ich viele Menschen zum Mitmachen einladen wollte", so Reintjes. Das hätte er im März 2004 besser auch gemacht.

Seine Rolle im "Fall MBC" habe vieles in der BBL verändert, weiß der Commissioner. Sein vorschnelles Handeln kostete ihn viele Sympathien, wenn nicht mehr. In einem beispiellosen Verwirrspiel um den von der Insolvenz bedrohten Mitteldeutschen BC bescheinigte Reintjes dem Club eigenmächtig die Spielerlaubnis. Drei Tage später müsste er erkennen, dass "ich mich falsch beraten lassen hatte". Spricht man ihn auf den größten Fehler seiner Amtszeit an, sagt er: "Ich dachte, die Liga müsse absolut professionell und immer parat sein. Meines Erachtens sollten wir schnell reagieren und agieren können. Dafür habe ich mich verantwortlich gefühlt – das war vielleicht zu viel:"
Intern abgewatscht, erklärte er schließlich im darauf folgenden Sommer vorzeitig seinen Rücktritt – und beging damit den nächsten Fehler. Was "eine personenunabhängige" Strategie-Diskussion anregen sollte, löste Miss-trauen aus. Er sei ausgebrannt, habe nicht mehr die Power und Inspiration vergangener Tage, hört man hinter mehr oder weniger vorgehaltener Hand immer häufiger aus BBL-Kreisen. Als Reintjes aufgrund einer langwierigen Krankheit aus den Verhandlungen mit Fernsehpartner Premiere ausschied, munkelten einige: "Der Otto ist durch – der kommt nicht mehr." Andere sagten, die Entlassung sei längst vollzogen – sein letzter Arbeitstag nur eine Frage der Zeit.

Trotz einigen Abstands fällt es Reintjes immer noch schwer, über diese Zeit zu sprechen. "Ja" sagt er gegenüber der Frankfurter Rundschau, es sei richtig, "man hat schon mindestens zwei Mal versucht, mich vorzeitig zu entlassen." Er sagt aber auch: "Natürlich pfeifen es die Spatzen von den Dächern, dass ich seit einem Jahr in der Liga sehr umstritten bin – und natürlich könnte ich dazu sehr, sehr viel sagen. Aber warum sollte ich während meines Abgangs noch Öl ins Feuer gießen?"

Verbitterung ist aus seiner Stimme zu hören, weiter ausführen möchte er seinen Groll aber nicht. Sein vielfach zitiertes und dadurch kaum besser gewordenes Verhältnis zu BBL-Präsident Wolfgang Kram möchte er genauso wenig kommentieren wie die Vorwürfe, er habe im September 2004 Politik gegen dessen Wiederwahl als Präsident gemacht. Doch Intrigen passen so wenig zu Otto Reintjes wie weiße Socken zu einem schwarzen Anzug. Der Commissioner war während seiner Ägide ein Mann der Tat. Fehler, die aus der Hitze des Geschäfts entstanden, unterliefen ihm nicht nur im "Fall MBC". Als ALBA Berlin beispielsweise einmal ein Auswärtsspiel bei den Telekom Baskets wegen wettkampfverzerrender Krankheitsfälle verlegen wollte, versprach Reintjes kurzerhand 10.000€ Ausfallgage für den protestierenden Gastgeber. Dass er zu diesem Versprechen gar nicht in der Lage war, fiel ihm erst später auf. Er wollte helfen, überschätzte dabei seine Kompetenz und musste sich eines Besseren belehren lassen. Das ist menschlich, das ist Reintjes – politisch motivierte Verschwörungstheorien indes nicht.

Fragt man kurz vor Ende seiner Amtszeit in der BBL-Führungsriege nach, stimmen die Befragten unisono eine Laudatio auf den scheidenden Commissioner an. "Die fünf Jahre unter Otto Reintjes sind eine Erfolgsstory. Das mögen viele Leute aus den Augen verloren haben, aber vor fünf Jahren spielte noch über die Hälfte der Clubs in Dreifach-Turnhallen", so Präsident Kram. Ob er sich Reintjes auch für die Zukunft als Commissioner gewünscht hätte, kommentiert er so: "Um das zu beantworten, bin ich zu dicht am Geschehen. Jeder Mann hat seine Zeit. Vielleicht bin ja auch ich schon zu lange im Geschäft", so der 62-jährige Jurist. ALBA Berlins Chef und ehemaliges Präsidiumsmitglied Marco Baldi kann sich eine Zukunft ohne Reintjes allerdings nicht vorstellen. "In den 90er Jahren war Otto die erste und einzige Anlaufstelle, um sich professionell über Basketball auszutauschen. Otto war der erste, der sich hundertprozentig dem Basketball verschrieben hat – ohne Wenn und Aber", so Baldi. "Es muss weiter eine Instanz geben, die sagt: 'Hey, wenn wir die beste Liga Europas werden wollen, müssen wir das so machen.' Wir wären wahnsinnig, wenn wir dabei auf Ottos Erfahrungen und Fähigkeiten verzichten würden."

Wenn Otto Reintjes seinen Schreibtisch für Nachfolger Jan Pommer räumt, tut er das ohne Wehmut. Die letzten Jahre seien, trotz Ärger und Enttäuschungen, eine "super geile Zig" gewesen. Auf eine öffentliche Verabschiedung will er dennoch verzichten. Er wird "zum Bayer" zurückkehren, vielleicht als rechte Hand von Bayer-Sportchef Klaus Beck. Gelassen und voller Optimismus blicke er den kommenden Aufgaben entgegen. Ein Leben ohne Basketball kann er sich allerdings nicht vorstellen. Für Hobbys wie Kochtopf oder Hobelbank hat er noch "viel zu viel Basketball-Wissen zwischen den Ohren" (Pommer) – wenngleich er mit diesem Ausdruck wenig anfangen kann.

Otto Reintjes war in vielerlei Hinsicht einmalig: Als erster bezahlter Basketball-Manager, als erster Verhandlungsführer in unendlichen Marathonsitzungen zu Zeiten der Liga-Emanzipation und schließlich als erster BBL-Commissioner. Es wäre nicht verwunderlich, zauberte der Rastlose noch mit 55 Jahren eine weitere Einmaligkeit aus dem Revers. Mit "Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit und Sparsamkeit" wie er seine schwäbischen Tugenden beschreibt. "Aber manchmal auch ein bisschen verrückt – das gehört dazu." Man darf gespannt sein.

Story: Martin Fünkele

Quelle: Basketball-Magazin 2/2005

Komplettes Inhaltsverzeichnis

Einzelheft oder Abo bestellen


0 Kommentare

 

0 Mitglieder
354 Gäste online

Anmeldung

Benutzeranmeldung

Registrieren

Passwort vergessen?

Schönen-Dunk bei FacebookSchönen-Dunk bei TwitterSchönen-Dunk-Newsfeed BIG - Basketball in Germany

Offiziell

BBL

# T P Diff

ProA

# T P W/L

ProB

Nord

# T P W/L

Süd

# T P W/L

Alternativ

BBL

# T P W/L

ProA

# T P Diff

ProB

Nord

# T P Diff

Süd

# T P Diff
 

Werbung

Werbung