EnBW Ludwigsburg
Von Cincinnati nach Ludwigsburg – Der steinige Weg des Mark Dorris
TheBloob am 01.12.2011 um 13:40
Neben mir sitzt ein verunsichert wirkender Mark Dorris Junior. Wir befinden uns auf dem Weg zum Gustav-Stresemann-Gymnasium in Schmiden, um dort mit 25 Schülerinnen und Schülern eine gemeinsame Basketball Unterrichtsstunde zu veranstalten. Als ich Mark darauf hinweise, dass heute extra wegen ihm die lokale Presse vor Ort sein wird, bekomme ich als Antwort nur eine Gegenfrage zu hören: „Sie werden mich bestimmt fragen, weshalb ich in den letzten
Spielen schwach gespielt habe, oder“? Der in Cincinnati, im US-Bundesstaat Ohio, geborene Dorris wirkt selbstkritisch und ist mit seiner Leistung ganz und gar nicht zufrieden. Dass er dabei in den vergangenen Bundesligaspielen, aufgrund einer im Training zugezogenen Knieverletzung, nicht 100%ig fit war und kaum mit der Mannschaft trainieren konnte, will Mark nicht als Ausrede gelten lassen: „Wenn ich auf dem Feld stehe, müssen sich meine Mitspieler voll und ganz auf mich verlassen können. Leider habe ich sie aber im Stich gelassen“. Ehrliche Worte von einem jungen Spieler, der in den letzten beiden Jahren von seinen zahlreichen Fans in ganz Basketball Deutschland aufgrund seiner spektakulären Spielweise zu „Mr. Fantastic“ ernannt wurde. Dabei sah es lange Zeit überhaupt nicht danach aus, dass der nur 1,88 Meter große Highflyer, eine Chance haben würde, professionell Basketball zu spielen.
Während seiner Zeit an der Princton Highschool, konnte Dorris vor allem in der Defense auf sich aufmerksam machen. In zwei aufeinander folgenden Jahren führte er die gesamte Stadt in der Kategorie Steals an. Dies brachte ihm nicht nur die Berufung ins First Team der Stadt Cincinnati, sondern auch die Auszeichnung zum MVP seiner Conference ein. Trotz aller individuellen Erfolge, blieb Mark der erhoffte Wechsel zu einem der größeren College Teams verwehrt. Woran das lag, weiß Dorris selbst nicht. „Weißt du, ich hatte damals eine richtig gute Zeit an der Highschool. In meinem vorletzten Jahr war ich sogar im McDonalds All-American-Team. Weshalb sich die großen Programme der NCAA jedoch nicht für mich interessierten, kann ich bis heute nicht beantworten.“ Das war der erste Rückschlag in der noch jungen Karriere des Combo Guards, der bereits im Alter von 3 Jahren mit dem Basketball Training startete. „Schon damals bin ich als kleiner Junge immer mit dem Ball durch jedes Zimmer zu Hause gedribbelt. Sehr zum Leidwesen meiner Mutter. Meinen Vater hingegen hat dies hingegen nie gestört.“ Wenn wundert das, war Mark Dorris Senior zu seiner Zeit selbst kurz vor dem Sprung in die NBA. Jedoch wurde er als einer der letzten Spieler aus dem Kader der Atlanta Hawks gecuttet und konnte somit dem bunten Treiben seines Filius wohl nur positives abgewinnen.
Die Tatsache, dass unsere Nummer 34, welche er übrigens zu Ehren seines Vaters trägt, nach einem erfolgreichen Highschool Abschluss ohne professionelles College Team da stand, traf ihn ziemlich schwer. Mark ließ sich davon aber nicht unterkriegen und arbeitete am St. Catharine College in Kentucky weiterhin hartnäckig an seinem Spiel. Getrieben von seiner beinahe unbändigen Motivation, wechselte Dorris nach nur einer Saison im Bundesstaat Kentucky, in welcher er der Mannschaft der St. Catharine Patriots mit 13,3 Punkten pro Spiel zu einer positiven Bilanz von 21-6 Siegen verhalf, an die Marshall University .
Die Marshall University, da war doch was, wird sich jetzt sicherlich der ein oder andere Leser denken? Genau – der tragische Flugzeugabsturz im Jahre 1970, bei dem die gesamte Football Mannschaft , samt Trainer und Funktionären ums Leben kam. Vielen wird vielleicht auch der Film „Sie waren Helden“ (im Original „We are Marshall“), mit Matthew McConaughey in der Hauptrolle, im Gedächtnis geblieben sein, welcher auf den dramatischen Geschehnissen vor 51 Jahren beruht. Wie es der Zufall so will, wurde der Film während der 3 Jahre die Mark Dorris an der in Huntington, West Virginia, gelegenen Universität studierte, produziert und gedreht. Sportlich lief es aus persönlicher Sicht für Mark ganz gut, das bekamen auch die Produzenten des Films mit, und sprachen ihn an, ob er sich nicht vorstellen könnte, eine Nebenrolle als Schauspieler einzunehmen. „Football spielen ist kein Problem für mich, das hätte ich schon hinbekommen“, sagt Dorris. Allerdings sind die Regularien der National Collegiate Athletic Association derartig streng, dass ein mögliches Abenteuer in der Filmwelt von vorneherein nicht möglich war. Studenten, die noch aktiv im College Sport gelistet sind und dadurch einen Amateur Status genießen, wird es nicht gestattet, während dieser Zeit eine Tätigkeit auszuüben, für die sie finanziell entlohnt werden. „Selbst wenn ich es umsonst hätte machen wollen, mein Coach wäre ganz sicher aufgrund der Verletzungsgefahr dagegen gewesen.“ Mark Patton hingegen, während der Saison 2006/2007 für Paderborn in der Bundesliga aktiv, hatte zu dieser Zeit schon sein Studium an der Marshall University beendet und konnte aufgrund dessen als 2,06 Meter großer Football Spieler eine Rolle im Film einnehmen. „Ja, mein Kumpel Mark hatte etwas mehr Glück als ich und war sogar relativ häufig im Film zu sehen und hatte auch einige Szenen mit Text zugesprochen bekommen. Wenigstens kam Matthew McConaughey mal zu uns in die Kabine und hat sich eine ganze Weile lang mit uns unterhalten und uns für das kommende Spiel motiviert. Es war schön einen so bekannten Schauspieler, den man sonst nur aus dem Kino kennt, persönlich kennenzulernen“.
In seiner Abschlusssaison konnte der flinke Wirbelwind mit starken Allroundstatistiken überzeugen. Durchschnittlich stand Mark 31,5 Minuten auf dem Parkett und erzielte dabei 13,6 Punkte, 4,0 Rebounds, 2,4 Assists und 1,9 Steals. Sowohl bei den Punkten, als auch bei den Steals führte Dorris das Team der Thundering Herd an und wurde ins All-Defensive-Team der Conference USA berufen. Auf die Frage, welcher Moment oder welches besondere sportliche Ereignis ihm während seiner Zeit am College am meisten in Erinnerung geblieben ist, nennt Dorris sofort den Derbysieg gegen die West Virginia Mountaineers. „Sie waren zu dieser Zeit in ganz Amerika das an Nummer 9 gesetzte Team, und hatten mit Johannes Herber, Mike Gansey und Frank Young drei spätere Bundesliga Profis in ihren Reihen. Dieser Sieg machte unsere gesamt Marshall Familie stolz und ich bin sehr glücklich darüber, einen kleinen Teil zu diesem Erfolg beigetragen zu haben“. Was sich ihm ebenfalls bestens in sein Gedächtnis eingebrannt hat, ist das Duell mit dem ehemaligen Bamberger Kyle Hines. Damals konnte Hines mit 38 Punkten, 12 Rebounds, 3 Stelas und 3 Blocks dem Spiel seinen Stempel aufdrücken, jedoch konnten Dorris & Co das Spiel denkbar knapp mit 82:80 gegen University North Carolina at Greensboro gewinnen.
Man sollte eigentlich davon ausgehen, dass Mark Dorris mit seinen Statistiken im Abschlussjahr, dass Interesse bei einigen europäischen Vereinen geweckt haben könnte. Das war allerdings nicht der Fall und so befand sich das Sprungwunder in der nahezu identischen Situation, wie zum Ende seiner Highschool Zeit. „Das war sehr frustrierend! Mir wurde immer wieder gesagt, dass der ein oder andere Club in Europa Interesse an mir hat, aber ein konkretes Angebot gab es nie.“ Und so befand sich Mark Dorris das erste Mal in seiner Karriere ganz unten und stand zum Saisonstart ohne Job da. „Ich hatte immer noch die Hoffnung, dass nach den ersten Saisonspielen in Europa, mancher Verein nochmals personelle Veränderungen vornehmen und mich verpflichten würde. Dem war allerdings nicht so.“ Dies hatte zur Folge, dass Dorris eine komplette Saison aussetzen musste und sein Marktwert immer mehr in den Keller sank. „Mir war klar, dass ich nach einem Jahr ohne Spielpraxis, dass erste Angebot annehmen würde, das mir unterbreitet wird“, sagt Dorris heute.
Und so kam es, dass Mark im Sommer 2009 über den großen Teich an die Nordsee zum Pro A-Ligist nach Cuxhaven wechselte und dessen Angebot annahm. „Mir war es egal was ich verdienen werde, ich wollte einfach nur wieder professionell Basketball spielen.“ Und so nutzte Mark die ihm sich bietende Chance bei den BasCats als Sprungbrett, um sich für höhere Aufgaben zu empfehlen. „Zum Glück habe ich mich in Amerika das ganze Jahr über fit gehalten und konnte in Cuxhaven gleich voll einsteigen. Mir war es dabei wichtig den Kritikern zu beweisen, dass ich weder eingerostet bin, noch das Spielen verlernt habe.“ Und dies verdeutlichte Dorris in beeindruckender Art und Weise. Am Ende kam er in seiner ersten Profisaison auf 18,3 Punkte, 4,8 Rebounds, 3,6 Assists und 2,3 Steals im Schnitt. Eines seiner absoluten Highlight Spiele war sicherlich die Partie gegen UBC Hannover Tigers, in welcher von Dorris 34 Punkte, 5 Assists, 4 Rebounds, 4 Steals und 2 Blocks aufgelegt wurden. Über die gesamte Saison gesehen scorte der Rookie in 27 von 30 Spielen zweistellig und wurde aufgrund seiner zahlreichen Highlights (siehe youtube: http://www.youtube.com/watch?v=ELFOAPIt2Ow) von den Fans auf den Spitznamen „Mr. Fantastic“ getauft. Die überaus erfolgreiche Saison führte das Team aus dem hohen Norden zur Vizemeisterschaft in der Pro A. Leider blieb der erhoffte Aufstieg ins Oberhaus nur graue Theorie, denn aufgrund der finanziellen Lage verzichtete man auf das Recht an der Teilnahme in der Bundesliga. „Das war mal wieder ein Rückschlag für mich. Wir hatten eine tolle Saison und konnten uns dann kaum über den Erfolg freuen“, sagt Dorris wenn man ihn heute auf die errungene Vizemeisterschaft anspricht. Jedoch hatte sich Mark in Basketball Deutschland einen Namen gemacht und war bereit, die nächste Stufe auf seiner persönlichen Karriereleiter zu erklimmen.
Da kam es für den am 27.12.1985 geborenen Amerikaner gerade gelegen, dass ihm ein unterschriftsreifer Vertrag von Phoenix Hagen aus der Beletage des Deutschen Basketballs vorlag. „Es war für mich der richtige Schritt nach Hagen zu gehen. Dort konnte ich direkt viele Minuten in der Beko BBL spielen und zeigen, dass ich auch mit den besten Spielern der Liga mithalten kann“, erklärt der gläubige Christ. Die Ludwigsburger Zuschauer, denen der Name Mark Dorris zuvor vielleicht noch nicht so geläufig war, konnten spätestens nach dem 24. Spieltag der Saison 2010/11 verstehen, weshalb er diesen speziellen Spitznamen trägt. Zwar verloren die Hagener an diesem Tag in der Arena Ludwigsburg mit 100:92, jedoch drückte Mark dieser Partie in unvergesslicher Art und Weise seinen Stempel auf. Individuell standen nach dem Spiel hinter seinem Namen im Boxscore folgende Zahlen schwarz auf weiß: 35 Punkte, 6 Rebounds, 3 Steals und 2 Assists. Dementsprechend groß war auch die Begeisterung bei den Fans der gelben Riesen, als am 28. Juli die Verpflichtung vom während der Saison ins Allstar Team berufenen Mark Dorris bekannt gegeben wurde!
„Ich habe mich rein aus der sportlichen Sicht für Ludwigsburg entschieden. Mein Gefühl sagt mir, dass ich hier auf einem anderen Level und mit tollen Mitspielern agieren kann.“ Das er dabei in der Barockstadt eine völlig neue Situation vorfindet, wie zuvor in Hagen, war ihm spätestens seit dem Beginn der Preseason bewusst. „In Hagen hatte ich oft den Ball in der Hand und sollte mir meinen eigenen Wurf kreieren. Nun habe ich großartige Mitspieler an meiner Seite, von denen jeder an jedem Abend heiß laufen und scoren kann. An die neue Rolle im Team werde ich mich aber hoffentlich möglichst bald gewöhnen.“ Dorris hofft, dass die mittlerweile 5 Spiele anhaltende Niederlagenserie nun endlich abgewendet werden kann und dass man dadurch wieder in die Erfolgsspur zurückkehren wird. Was ihm bisher besonders gut gefällt ist, dass die Fans auch nach den Niederlagen, die teilweise auch sehr unglücklich waren, weiterhin zur Mannschaft stehen und sie immer super unterstützen. „Die Fans die in München oder auch in Bayreuth dabei waren, haben echt eine Menge Lärm gemacht. Da tut es natürlich umso mehr weh, wenn man den mitgereisten Anhängern keinen Sieg schenken kann.“ Es bleibt abzuwarten wie sich der Heilungsprozess bezüglich der erlittenen Knieverletzung noch hinziehen mag, eines ist aber klar, der Blick von Mark wird immer nach vorne gerichtet sein. „So eine Zeit wie nach der Highschool oder nach dem College wird es definitiv nicht mehr geben. Ich möchte in Zukunft keinen Schritt mehr zurück machen, sondern mich stetig weiter entwickeln.“
Blickt man voraus auf die am Samstag stattfindende Partie gegen die TBB Trier und den wahrscheinlichen Ausfall unseres Kapitäns Jerry Green, liegt es unter anderem an Dorris, Verantwortung zu übernehmen und die entstehende Lücke zu kompensieren. Die Zeit ist reif für ein „Mr. Fantastic Spiel“!
Pressemitteilung: EnBW Ludwigsburg
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