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Rick Stafford über Triumphe, Trauer und Tretboote

Frankie am 29.10.2003 um 17:32

Herr Stafford, zweites Finalspiel in Berlin: Anscheinend touchieren Sie Marko Pesic nur, der daraufhin wie von der Pistole getroffen umfällt. Sie bekommen das Foul. Schwalbe oder tatsächlich Foul?
Stafford: Ich habe ihm schon in die Rippen gestoßen. Das war richtig gesehen vom Schiedsrichter. Marco hat natürlich sehr dramatisch reagiert. Erst ist es fast um ihn geschehen, zwei Sekunden später steht er wieder und wirft Freiwürfe – als ob nichts gewesen wäre.

Hätten Sie an Pesics Stelle genau so reagiert?
Nein, das liegt nicht in meiner Natur. Aber der Foulpfiff war schon okay. Ich bin ein harter Spieler, da kassiert man halt auch seine Fouls.

Wenn das Finale gegen Berlin heute wiederholt würde, ginge es dann anders auch? Schwer zu sagen.

Aber Bamberg hat Berlin doch kürzlich klar in die Schranken gewiesen?
Uns hat im diesjährigen Finale ein bisschen die Erfahrung gefehlt. Also, wenn ich drüber nachdenke: Ja, die Serie gegen Berlin würde heute anders ausgehen.

Ist ALBA Berlin nach wie vor das Ultimative in der BBL?
Man muss es so sehen. Die Berliner haben den Titel sieben Mal in Serie gewonnen. Ob man es nun mag oder nicht. Sie sind der Maßstab.

Im Sommer gab es sehr viel Theater hinter den Bamberger Kulissen. Saßen Sie bereits auf gepackten Koffern, um sich nach einer neuen sportlichen Heimat umzuschauen?
Natürlich haben wir Angebote von anderen Clubs bekommen. Aber ich habe mich da telefonisch immer mit Derrick Taylor und Chris Ensminger abgesprochen. Wir wollten zusammen bleiben und das noch einmal versuchen, was uns letztes Jahr schon fast gelungen ist.

Wer oder was hat Ihnen denn das Vertrauen gegeben, dass es in Bamberg weitergeht?
Also ich glaube, ohne Dirk Bauermann hätte schon der eine oder andere Spieler die Geduld verloren und sich einen neuen Club gesucht. Eine Zeit lang sah es gar nicht gut aus.

Ist für Sie irgendetwas anders geworden, seitdem der TSK GHP Bamberg heißt?
Für mich persönlich und meine Familie nichts. Wir werden so herzlich behandelt wie zuvor. Das zeichnet Bamberg ohnehin aus.

Hat sich die Vizemeisterschaft denn für Sie nicht bezahlt gemacht?
Wie meinen Sie das?

Haben Sie eine Gehaltserhöhung bekommen?
Ob ich darauf antworte, überlege ich mir noch. Nächste Frage.

Man munkelt, Sie hätten acht Kinder?
Ne, das schafft man nicht. Ich habe vier Kinder im Alter von acht und fünf Jahren, die Zwillinge sind jetzt zwei Jahre alt. Das reicht und ist genug Arbeit. Ich selbst komme aus einer Familie mit sieben Kindern.

Sie sind Mormone. Ist Kinderreichtum da nicht oberste Pflicht?
Bei den Mormonen steht die Familie an erster Stelle. Und dazu gehören Kinder. Für mich ist die Beziehung zu meiner Frau das Wichtigste. Ich bin überzeugt: Bei ihr habe ich einen Sechser im Lotto gezogen. Ohne sie wären meine Leistungen auf dem Parkett nicht möglich.

Sie sind gebürtiger Amerikaner. Wie kamen Sie an einen deutschen Pass?
Meine Großmutter besaß die deutsche Staatsangehörigkeit. Und laut Gesetz haben die Nachkommen von ehemaligen Deutschen, wenn sie fünf Jahre in Deutschland leben, dort ordnungsgemäß ihre Steuern zahlen, krankenversichert sind, Deutsch lesen, schreiben und sprechen können, die Chance auf eine Einbürgerung.

Wie lange sind Sie jetzt Deutscher?
Seit dreieinhalb Jahren.

Wo haben Sie so gut deutsch sprechen gelernt?
Als Mormone habe ich einen zweijährigen Wohltätigkeitsdienst in Deutschland geleistet. Freiwillig. Man hat mich dazu auf eine Sprachschule geschickt. Acht Wochen lang, sechs Tage pro Woche habe ich Grammatik gelernt. Dann bin ich in Sachsen gelandet und habe zunächst kein Wort verstanden. Ich konnte lesen und schreiben, aber nicht Deutsch sprechen. Dort habe ich es dann gelernt. Ich war vor allem in Dresden, Leipzig und Chemnitz.

Sie sächseln aber gar nicht?
Ich bin mittlerweile sechs Jahre weg aus Sachsen. Anderswo wird man beschimpft, wenn man sächselt. Vielleicht habe ich es mir deswegen abgewöhnt.

Und dann haben Sie angefangen, für Langen in der 2. Liga Süd Basketball zu spielen?
Ja.

Als Sie danach für Brandt Hagen 1. Liga spielten, genossen Sie da sofort Respekt?
Nein. Ich kam ja auch nur von einem Division-II-College. Den Respekt musste ich mir erst verdienen. Ich muss allerdings gestehen, dass das Hagener Team damals nicht sehr stark war.

Das ist jetzt anders. Sie sind ein Leistungsträger bei einem Mitfavoriten auf den Meistertitel. Wie würden Sie Ihre Rolle im Bamberger Team definieren?
Ich soll im Spiel das machen, was andere nicht tun, aber gemacht werden muss. Meine Aufgabe ist es nicht, zu punkten oder den besten Spieler des Gegners zu verteidigen. Ich muss im richtigen Moment an der richtigen Stelle sein. Mal ein Rebound, mal ein Assist, mal ein Steal, mal ein Dreier. Und unter Woche soll ich dafür sorgen, dass wir ordentlich und zügig trainieren.

Trainer sagen Ihnen nach, Sie würden jedes Team besser machen. Wie meinen die das?
Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht einmal, ob es stimmt. Aber man hört es gern. Ich kann halt ein bisschen von allem. Man gibt mir eine Aufgabe, und die setze ich gerne um – egal ob in Abwehr oder Angriff.

Derrick Taylor ist im Team der leise Chef. Was sind Sie?
Man hat früher einmal gesagt, dass Derrick Taylor die Seele der Mannschaft sei. Vielleicht kann ich das emotionale Herz sein. Aber das müsste man die Teamkollegen fragen.

Sie bezeichnen sich als eine Art Ausputzer...
...Handyman oder Survivor.

Auf jeden Fall sind Sie ein sehr hartnäckiger Verteidiger. Stört es Sie, wenn man Ihr Image auf den Terrier reduziert?
Nein, ich weiß, dass ich nicht schön spiele. Ich entscheide keine Spiele mit Dreiern, Dribblings durch die Beine oder Zauberpässen. Für mich zählt der Sieg und wenn ich 100% gebe. Ich bin nicht besonders schnell, nicht besonders kräftig und auch nicht außerordentlich talentiert. Aber ist ein Terrier nicht auch ein ehrenhaftes Tier?

Gibt es einen Spieler, mit dem Sie sich gerne vergleichen?
Mir fällt keiner ein. Ich habe vielleicht von vielen etwas. Ich weiß es nicht. Ich weiß auch nicht, wie ich mich durchgebissen oder durchgeschlängelt habe. Es kommt mir manchmal wie ein Wunder vor, dass ich jetzt für die beste Mannschaft Deutschlands spiele.

Aber es gab doch bestimmt Vorbilder oder Menschen, die Sie beeinflusst haben?
Sicher, mein Vater verließ jeden Morgen das Haus um viertel nach fünf Uhr. Er musste hart und lange arbeiten, um unser tägliches Brot zu verdienen. Vielleicht ist es auch die Herausforderung, wenn andere mit mehr Talent behaupten, sie seien besser.

Wie viel von Ihrer Persönlichkeit sieht man auf dem Basketballparkett?
Sehr viel. Die Freude, die Leidenschaft, aber auch das Leid und den Frust. Ich kann nicht ohne Emotionen Basketball spielen.

Wer in der BBL hat sich als Verteidiger Ihren Respekt verdient?
Also gegen Steffen Hamann möchte ich nicht gerne spielen. Ein Lob muss ich auch für DeJuan Collins aussprechen. Seine Verteidigung wird unterschätzt. Es ist stark, schnell und hat einen langen Atem. Ich mag, wie er verteidigt. Die beiden sind für mich die Topverteidiger der Liga.

Wird Steffen Hamann auch einmal ein Team führen können?
Das macht er doch gerade. Wir haben kürzlich binnen einer Woche Perm und Berlin geschlagen. Ohne Sasser und mich, weil wir verletzt waren. Das ging alles von ihm aus. Er strotzt momentan vor Selbstbewusstsein.

Gibt es Spieler, bei denen Sie denken: Bloss nicht gegen den?
Es gibt Spieler, die ich nicht mag, aber keinen, bei dem ich mir sage: 'Der liegt mir nicht.' Es gibt vielmehr Spieler, gegen die du unbedingt deine beste Leistung zeigen willst.

Und die wären?
Es sind die Spieler der Topmannschaften. Letzte Saison war es Rencher in Bonn, ein hervorragender Spieler. Oder Harrison und Obradovic in Köln. Und natürlich Berlin, wo mir Pesic, Demirel und Collins einfallen. Die stellen für jeden Verteidiger eine Herausforderung dar.

Schaut man mit 31 Jahren schon mal auf die Zeit nach der aktiven Karriere?
Wenn man eine Familie hat, kann man nicht von der Hand in den Mund leben. Ich habe eine abgeschlossene Lehrausbildung: Englisch als Haupt- und Deutsch als Nebenfach.

Sehen Sie Chancen, den Lehrberuf einmal in Deutschland auszuüben?
Ich würde es gerne, aber leider wird meine Ausbildung hier in Deutschland nicht anerkannt. Ich weiß auch, dass ich noch zusätzliche Qualifikationen brauche. Ich werde nach meiner Karriere noch weiter studieren, ob in Amerika oder hier, weiß ich noch nicht. Natürlich würde ich gerne hier in Deutschland bleiben.

Wenn nicht hier, wo dann?
Ich würde gerne in den Rocky Mountains leben. Ich jage und wandere gerne in den Bergen.

Ihr Play-Off-Tipp: Wie heißen die acht Teilnehmer?
Berlin, Bamberg, Bonn, Köln, Frankfurt, Oldenburg, Braunschweig und... Beim achten kann ich mich nicht zwischen Hagen, Ludwigsburg und dem MBC entscheiden.

Wer kommt ins Finale?
Bamberg auf jeden Fall. Gönnen würde ich es Braunschweig.

Zweiter Versuch, hat sich die Vizemeisterschaft sprichwörtlich bezahlt gemacht?
Ich will es mal so sagen. Wir spielen jetzt zusätzlich europäisch. Das heißt mehr Aufwand. Ist da mehr Entschädigung nicht gerecht?


Quelle: Basketball-Magazin Sonderheft Saison 2003/04

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