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The next Generation oder: Wer kommt nach Nowitzki?

Frankie am 01.07.2003 um 17:17

Horrorszenario. Die deutsche Basketball Nationalmannschaft wird bei den Olympischen Spielen 2004 in Athen Dritter. Dirk Nowitzki, im selben Jahr mit den Mavericks knapp im NBA-Finale gescheitert, spielt das Turnier seines Lebens. Ausgelaugt, aber glücklich, verkündet er noch mit der Bronzemedaille um den Hals seinen Rücktritt aus dem DBB-Team. Nowitzki ist 26 Jahre alt. Die 29jährigen Ademola Okulaja und Patrick Femerling beschließen ebenfalls, mit sofortiger Wirkung ihr Engagement für die Nationalmannschaft einzustellen. Es folgen Jörg Lütcke (28) und Henrik Rödl (35). Eine Mannschaft nähert sich ihrem Verfallsdatum. Wahrscheinlich wird Deutschland nicht Olympia-Dritter. Vielleicht spielt Nowitzki ja noch länger – aber ganz sicher ist: Dem Team, das diesen Sommer in Schweden um die Europameisterschaft spielt, steht ein Generationswechsel bevor. Nicht heute, aber morgen. Wer kommt, wenn Ademola, Dirk und Patrick gehen? Wer diese Frage stellt, erntet verzweifeltes Kopfschütteln, oder schlimmer noch – eine Abfuhr nach dem Motto: "Wie kannst du nur so undankbar sein? Es läuft doch momentan alles prima." Aber die Helmut-Kohl-Taktik des Aussitzens hilft im Sport wenig. Es gewinnt, wer seiner Zeit voraus ist.

Während irgendwo in der Nähe von Cleveland LeBron James (NBA-Draft-Pick Nummer 1) ein Workout für seinen zukünftigen Arbeitgeber absolviert – Einzelheiten gibt's weltweit im Internet als Video-Clip per Mausklick auf den Bildschirm –, treffen sich in Heidelberg die besten deutschen Nachwuchsspieler. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit, versteht sich. Was sich wie die Bezeichnung einer Autobahn anhört: "A2" ist das Sommerprogramm des Deutschen Basketball-Bundes für "Perspektiv-Spieler". Das Medienecho ist gering. Einzig die Berliner Boulevardzeitung "B.Z." macht ein Stück über Jörg Lütckes Rückkehr ins Mannschaftstraining.

Während Lütcke die A2-Nationalmannschaft dazu nützt, Fitness, Spielpraxis und Selbstbewusstsein für die "richtige" Nationalmannschaft zu tanken, geht es für die restlichen Spieler um anderes. Vornehmliches Ziel von Trainer Berthold Bisselik: ein Team für die Universiade in Südkorea (21.-31. August 2003 in Daegu) zu formen. Der eigentliche Grund für das Kommen der rund 20 Jungs im Alter zwischen 20 und 23 Jahren: Sie wollen mit Nowitzki in der A1-Nationalmannschaft spielen. "Für Olympia 2004 wird der Kader vergrößert. Das wissen die Burschen – und so spielen sie hier auch", sagt Physiotherapeut Christian Faigle.

Ware Zukunft ist in Amerika big Business
In Amerika haben sich längst große Wirtschaftsunternehmen auf die Ware "Zukunft" gestürzt. McDonald's finanziert ein Highschool-Allstar-Spiel – ein Event, das von 20.000 Zuschauern verfolgt wird und live über die TV-Bildschirme flimmert. Nike veranstaltet sein "Hoop Summit", und selbst in Europa hat man mittlerweile begriffen, wie lukrativ es ist, den Fokus auf die "Generation Next" zu richten. Das "Reebok EuroCamp" in Treviso, zu dem die besten 48 Jugendlichen Europas geladen werden, entwickelt sich zur international anerkannten Talentbörse – die obligatorischen NBA-Scouts und Assistent-Coaches inbegriffen.

In der Sporthalle des Heidelberger Olympiastützpunktes sitzt Bundestrainer Henrik Dettmann und weiß noch nicht so recht, ob ihm gefallen soll, was er da sieht. In der Halle ist es mindestens 35 Grad heiß. Es riecht nach Schweiß und Jugend. "Verdammte Sch…", brüllt Peter Fehse, nachdem er im Angriff einen Dunk auf den Ring geknallt hat und sein Gegenspieler ihn auf der anderen Seite des Feldes bestraft. Fehse und Dettmann schütteln kollektiv den Kopf. Das Spiel ist wild. Fastbreaks, Airballs und Fehlpässe. Dennoch fallen vier Spieler auf: Jan Jagla, Guido Grünheid, Johannes Herber und Peter Fehse.

Als Fehse letzten Sommer von Seattle an Nummer 49 gedraftet wurde, ging ein Aufschrei durch Deutschlands Basketballwelt. Kaum eine Zeitung, die nicht über den Jungen aus Halle berichtete, der es aus der Regionalliga in die NBA schaffte. "NBA-Potenzial", "der nächste Nowitzki" – einfach zu lernende Floskeln, die keine Redaktion ausließ. Der Hype war groß – und dementsprechend tief der Fall, als Fehse von einer Verletzung in die andere stolperte. Dieselben Leute, die Monate vorher noch den Hoffnungsträger in ihm sahen, schrieben ihn nun ab, sagten, dass er es nie schaffen werde. Und beides, Lob und Tadel, ohne Fehse jemals gesehen zu haben.

Nachdem ALBA Berlins Guido Grünheid 40 Sekunden vor Ende des dritten Finalspiels gegen Bamberg die siebte Berliner Meisterschaft per Dreier klar machte, war er auf der Mattscheibe – live und in Farbe. In mehr als 100.000 deutschen Haushalten fragt man sich seitdem: Guido Grünheid? Wer zum Teufel ist Guido Grünheid? Nowitzki zockte ohne besonderes nationales Interesse in der zweiten Bundesliga. Jetzt ist er einer der besten Spieler der Welt. Peter Fehse musste erst von NBA-Scouts entdeckt werden, und Guido Grünheid benötigte einen spektakulären Final-Dreier, um wahrgenommen zu werden. Wer oder was sind denn nun Johannes Herber und Jan Jagla?

Es muss nicht um den nächsten Nowitzki gehen. Genau so wenig geht es in Amerika immer um den nächsten Jordan oder in Jugoslawien um den nächsten Stojakovic. Es geht um Potenzial, Talent und darum, die Anzeichen richtig zu deuten. Dasselbe Spiel wie an der Börse. Was braucht der Markt? Investiere ich in alternative Brennstoffe (Point Guards wie Misan Nikagbatse) oder doch lieber etwas konservativer in Rohöl (Power Forwards wie Darko Milicic)? Wie an der Börse kann man richtig liegen oder nicht. Was soll das Argument, junge Talente würden durch zu früh erteilte Aufmerksamkeit in ihrer Entwicklung gestört? Ihr Charakter würde beeinträchtigt und – im schlimmsten Fall –alles zunichte gemacht? Natürlich kann das geschehen. Tiger Woods hat mit 21 Jahren sein erstes Masters gewonnen. Mike Tyson war im selben Alter Schwergewichtsweltmeister. Welcher der beiden mit dem enormen Erwartungsdruck umgehen konnte, muss nicht wiederholt werden. Zwei Sportler, zwei Entwicklungen.

Tyson oder Tiger, Schicksalsfrage
Was gibt es Interessanteres als zu erfahren, was morgen geschieht? Gestern trauten die Wenigsten Steffen Hamann zu, ein Spieler für die Nationalmannschaft zu sein. Heute ist er es. Doch wie sieht's mit morgen aus? Hat er NBA-Potenzial, wie Derrick Taylor glaubt? Schon möglich – und wenn nicht, kann dennoch ein verdammt guter Spieler aus ihm werden. Nur Mut! Augen auf und den Wahrnehmungsradar nach unten fahren. Vom 04. bis 06. Juli spielt die A2-Nationalmannschaft in Münster ein Vier-Nationenturnier (Estland A1, Türkei und Russland A2). Wer Augen hat, sieht dort die Line-up der Zukunft: Jagla (2,11m) auf der Vier. Fehse (2,10m) auf der Fünf und Grünheid (2,07m) auf der Drei. Instruiert werden die drei "Big Men" von Johannes Herber (1,97m). Hört sich nicht schlecht an. Kann aber auch völlig daneben liegen.


(Basketball-Magazin Juli 2003)

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