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Jovo Stanojevic ist der Beste – Journalisten und Trainer irren nicht

Frankie am 01.07.2003 um 17:13

Das Dümmste, was dir passieren kann, wenn du einen Sportler das erste Mal zum Interview triffst, ist, ihn zu unterschätzen. Einen 2,07-Meter-Riesen mit 130 Kilogramm Kampfgewicht unterschätzen? Doch das geht, echt wahr. Und das hat nichts damit zu tun, dass ich lange dachte, "Jovo" sei höchstens ein Spitzname und eigentlich ein jugoslawisches Spielzeug.
Jovo Stanojevic ist der "wertvollste Spieler" der s.Oliver BBL. Die Mehrheit der Trainer und Fachjournalisten hat ihn gewählt. Soweit alles klar. Jovo ist der Center von ALBA Berlin. Kürzlich Meister, Pokalsieger – und vor allem Vater geworden. Der 25jährige ist lieb, nett, stoisch – latent langweilig, dachte ich.
Und er ist ein "echtes Tier", so der erste Eindruck von Teambetreuer Eike Marx. Kaum vorstellbar, dass ein Bursche mit seiner Statur vom 7. bis zum 14. Lebensjahr in Karateschulen auf Gegner eindrosch, statt Bälle durch irgendwelche Ringe zu prügeln. Mit 14 Jahren verließ Jovo dann seinen Heimatort Sombor. Seinen Eltern erzählte er, es ginge nur um Schule. In Wahrheit wollte er in Novi Sad nichts anderes lernen, als Basketball zu spielen.

Dann kamen die Piranhas dazu. "Ich habe, seit ich denken kann, ein Haustier", sagt er. "Erst einen Vogel, dann einen Hund, und als ich die Piranhas sah, war ich sofort begeistert." Es seien keine "guten" Tiere, dafür aber der Inbegriff von Teamwork. "Wenn sie fressen wollen, sind sie aggressiv und arbeiten zusammen." Karate und Piranhas – kein schlechter Anfang. Zumindest alles andere als langweilig.

Als wir in der Basketball-Redaktion beschlossen, zur Saison-MVP-Wahl aufzurufen, brachen heftige Diskussionen los. Wer ist unser Mann? Wer hat uns dieses Jahr am meisten beeindruckt? Nachdem wir alle Trainer der Liga plus Bundestrainer Henrik Dettmann (ihre Stimmen zählten doppelt) und weitere 19 Journalisten angerufen hatten (einfache Wertung), war uns immer noch nicht klar, wer der Beste ist. Viele gute, aber kein überragender Spieler – so unser Eindruck. Also konzentrierten wir uns auf das Team, das Meister werden sollte. Also ALBA. Also Mithat Demirel? Weil er "für Berlin den Pokal gewonnen und die wichtigen Dinger im dritten Finale getroffen hat", so die Ansicht eines der befragten Trainer. Stimmt, aber wer hat Berlin über die gesamte Saison am verlässlichsten getragen? 17,3 Punkte und 7,1 Rebounds in 28,1 Minuten – das sind Stanojevics Zahlen aus der Hauptrunde.

In den Play-Offs sanken seine Werte leicht. Aber er war noch immer der "Mann in der Mitte" in einer Liga, die auf der großen Centerposition wenig zu bieten hat. Wir entschieden uns für Jovo. Aus dem einfachen Grund: Es gibt keinen Spieler in der BBL, der (wenn er gesund ist) offensiv so dominiert, wie das Stanojevic kann. Er ist nicht spektakulär, aber effektiv. Er kann nur zwei Bewegungen – einen Hookshot zur Mitte und eine Drehung zur Grundlinie – diese dafür aber richtig.

Dominant wie Stanojevic
Bevor ich nach Berlin flog, um ihn zu treffen, fragte ich bei denen nach, die ihn kennen müssten. Bei ALBA-Coach Emir Mutapcic und Stanojevic Zimmergenosse Henrik Rödl. Was macht ihn so wertvoll? "Er ist ein echter Center", sagt Mutapcic. "Jovo versteht das Spiel und geht dahin, wo er am besten ist – direkt unter den Korb." Im Vergleich mit Dejan Koturovic (13,8 Pkt, 7,8 Reb, 21,7 Min), seinem Vorgänger bei ALBA, sprächen für ihn seine Statistiken und "dass er MVP geworden ist. Außerdem spielt er noch bei uns, das macht ihn zum besseren Spieler für mich", so Mutapcic.

Seit Stanojevic vor Beginn dieser Saison zum Meister kam, wurde er immer wieder mit Koturovic verglichen. Er selbst sagt dazu: "Wir spielen auf derselben Position, aber das ist auch schon alles." Die Berliner Zeitungen sprachen vom „anderen Koturovic" oder vom "Riesen, der sich klein macht". Koturovic liebte sich und das Publikum. Und das Publikum liebte ihn wegen seiner Highlights. Er färbte sich die Haare rot und erlaubte sich, neben anderen Marotten, den Trainingsbeginn um sechs Wochen nach hinten zu verlegen. Jovo dagegen ist leise. Für Mutapcic manchmal zu leise. Er fordert mehr Emotionen. Stanojevic dazu: "Ich bin kein Schauspieler. Aber wenn das gut ist für mein Spiel, meine Gefühle wie ein Schauspieler auszudrücken, dann mache ich das." Dass Stanojevic deutsch lernt, hat wenig mit seinem Spiel zu tun. Mehr dagegen die Tatsache, dass er im Low-Post meist von zwei Verteidigern gleichzeitig bedrängt wird. Koturovic wurde selten gedoppelt – deutsch lernte er nie.

Spricht Henrik Rödl über den Jugoslawen – Stanojevic hält nicht viel von der Wortschöpfung Serbien-Montenegro –, ist seine Stimme voll von Respekt. "Jovo macht die einfachen Dinger. Dejan war für die spektakulären Sachen da. Wenn das klappte, war das toll. Aber einer, der solide sein Ding macht, ist besser für ein Team." Der Neue sei das perfekte Gegenstück zu Koturovic. Er sei weniger verspielt und habe diese unglaubliche Kraft. "Wenn der einmal den Ball in den Pranken hat, weißt du, er gibt ihn nie wieder her."

Der andere Koturovic
Okay, ich weiß genug. Ab nach Berlin und gleich mal die Sache mit den Killer-Fischen ansprechen. Ich: Piranhas sind aggressiv – du nicht. Das passt nicht! Er: "Jetzt bin ich gelassen wie der Fisch im Wasser. Aber sobald ich im Low-Post kämpfe, werde ich zum Piranha. Wir sind beide nur wild, wenn wir fressen wollen – und auf dem Feld bin ich immer hungrig." Wie ist das mit deiner Karate-Ausbildung: Hilft dir das als Basketballer? "Ich denke, jeder Sportler sollte vor seiner Hauptsportart etwas anderes ausprobiert haben. Ich habe durch Karate viel über meinen Körper gelernt und meine Kraft entwickelt." Macht Sinn. Wie bei Tim Duncan, der, bevor er bei den San Antonio Spurs zweimal in Folge MVP wurde, in seiner Heimat auf Hawaii mehr Zeit im Schwimmbassin als auf dem Basketballfeld verbrachte.

Weiter. Wieso spielst du Basketball? Jovo: "Ich habe jetzt bestimmt ein besseres Leben als früher. Verdiene ordentliches Geld und alles. Aber der Hauptgrund ist: I love the basketball!" Logisch: Er meint nicht den Ball, sondern das Spiel. Und wieso bist du so gut? "Ich spiele in einem sehr guten Team. Mit Leuten, die das Spiel verstehen. Wir sind alle uneigennützig und passen den Ball." Na gut, niemand spricht gern über seine eigenen Stärken. Die Schwächen bitte! "Ich muss an meinem Face-to-face-Spiel arbeiten. 80% meiner Aktionen mache ich mit dem Rücken zum Korb. Das werde ich ändern." Sonst nichts? "Doch. Mein Problem ist, dass ich zu nett bin. Ich glaube, um richtig gut zu sein, muss man auch mal nicht nett sein können." Was hat ein zu klein geratener Center (Spannweite von 2,20m) für Ziele? "Ich spiele noch 365 Tage in Berlin. Wer weiß, was danach passiert. Jeder will in die NBA, aber bisher hat mich noch niemand angerufen. Und natürlich Nationalmannschaft. Ich denke, da gehöre ich hin. In diesem Sommer werde ich mich aber erst auskurieren und mich um meinen Sohn Filip kümmern."

Böse sein, um besser zu sein
Schön, das war's. Jovo ist unser Mann. Kein "Slasher", kein HipHop-Freak. Stattdessen solide "Old school" – aber bestimmt nicht langweilig. Man könnte sagen: typisch deutsch. Als ich nach dem Gespräch mit meinen frisch gewonnenen Eindrücken etwas hilflos auf dem staubigen Parkplatz vor der ALBA-Geschäftstelle stehe, brüllt Jovo über zehn Autos hinweg: "He, wo willst du hin? Kann ich dich mitnehmen?" Ich lehne dankend ab. Das wäre dann doch zu viel. Der beste Spieler der Liga ist ein Gentleman. Ein "echtes Tier", das noch besser wäre, wenn er auch mal "weniger nett" ist. Also, Jovo, sei böse, nimm mich nicht mit, ich geh zu Fuß.


(Basketball-Magazin Juli 2003)
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