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FÜNF: Der Star, der nicht war

Pucki am 24.12.2007 um 13:30

Gerrit Terdenge galt einst als die große deutsche Hoffnung auf der Vier. Dass es anders kam, wissen wir. Aber was lief eigentlich schief? Da sitzt der Mann im grellen Scheinwerferlicht der Fernsehkameras, trägt ein schwarzes Polo und Jeans. Von tiefen Falten keine Spur. Kein feister Wanst, der ihm schwer über dem Gürtel hängt. Nicht ein graues Haar. Und doch ist es eine Frage von Minuten bis zur Frage, wie viele Jahre ihm noch bleiben werden. Wie das schon klingt, „ihm bleiben werden“. Schließlich sei er schon 32. Und bald sei er ja sogar 33. Da muss er doch langsam mal an die Zukunft denken, an die Karriere nach der Karriere. Wird doch jetzt auch wirklich höchste Zeit, mit 32. Oder nicht?

Gerrit Terdenge überlegt einen Augenblick, lächelt kurz, legt den Kopf zur Seite und sagt: „Das ist mir noch nicht ganz so schlüssig.“ Denn erstens habe er ja noch einen Vertrag in Gießen – und der läuft bis 2009. Und zweitens habe er den Spaß am Basketball noch lange nicht verloren. Vielleicht denkt er auch darüber nach, noch ein oder zwei Jahre dranzuhängen. Schließlich kann doch noch so viel passieren. Noch Fragen? So klingt das also, wenn der Herbst der Karriere anbricht und Gerrit Terdenge sich beharrlich weigert, das Laub zusammenzukehren.
Es war im Sommer 1997, und es passt ganz gut, dass folgende Sätze über ein deutsches Talent gerade ihr Zehnjähriges feiern. Dirk Bauermann, damals Trainer in Leverkusen, wörtlich: „Ein hochinteressanter Flügelspieler, extrem athletisch, wie ich es bei seiner Größe bei noch keinem deutschen Spieler gesehen habe. Dazu ein guter Rebounder und Shotblocker.“ 1997 beherrscht Ademola Okulaja an der Seite von Antawn Jamison und Vince Carter mit North Carolina die Schlagzeilen der NCAA. Und beim Deutschlandgastspiel der NBA lobt Charles Barkley den jungen Dirk Nowitzki in den höchsten Tönen. Dirk Bauermann aber hatte Gerrit Terdenge gemeint.

Das Wunder von München liegt da gerade vier erfolglose Jahre zurück. Die vollmundigen Ankündigungen vom bundesweiten Basketballboom klingen wie ein schlechter Witz. Goldene Zeiten? Nicht bei uns. Bei der Europameisterschaft in Spanien reicht es nur zu einem Vorrundensieg gegen die Ukraine und Platz zwölf. Trotz der paar talentierten Jungen. Terdenge spielt im gesamten Turnier genau eine Minute. „Wenn die alte Garde abtritt“, so heißt es damals, „wird Basketball ,made in Germany’ auf Jahre in der internationalen Versenkung verschwinden.“ Kommt das irgendjemandem bekannt vor?

Hoffnungsträger auf der Vier

„1993 sollte den Basketball nach vorne bringen“, sagt Terdenge, „aber wir konnten an die Erfolge nicht nahtlos anknüpfen.“ Das Interesse der Öffentlichkeit hielt sich in Grenzen. „Niemand wäre damals auf die Idee gekommen, meinen Namen mit der NBA in Verbindung zu bringen.“ Der Hype wird erst Jahre später einsetzen. Dafür ist das Werben der Klubs umso konkreter. Zwischen Alba Berlin und Terdenge gab es einen Vorvertrag – aber hinter Wendell Alexis und Henning Harnisch auf der Bank zu versauern, das war definitiv keine verlockende Perspektive. Also Leverkusen.

Drei Jahre Vertrag bis 2000. Zweifel: keine. „Ich wollte mich in der ersten Liga beweisen. Es war der richtige Schritt.“ Nur zur Erinnerung. Terdenge galt als einer der Hoffnungsträger auf der Vier. Schon zu Zweitligazeiten, als er in Herten zum Leistungsträger wurde, und erst recht, als er den Verein nach seiner Rückkehr vom College (Fresno State University) vor dem Bundesligaabstieg bewahrte. Terdenge war in Herten eine große Nummer. Wie groß? So groß, dass der Bürgermeister noch nach dem Viertelfinalcoup der 46ers 2005 gegen Köln ein Dankesschreiben auf den Weg schickte. Darin stand: Herzlichen Glückwunsch, blabla, großartiger Sieg, blabla und dann: Man sei „besonders stolz auf den großen sportlichen Sohn unserer Stadt“. Denn so „sind nun einmal die Hertener. Sie jammern nicht, sie kämpfen und sind deshalb erfolgreich.“ Damit wäre auch die Charakterfrage geklärt.

Fassen wir zusammen. Was muss ein europäischer Spitzenspieler haben? Athletik, Dynamik, Spielverständnis, Defense, Teamgeist, Moral. Alles da. Was also ist in der Karriere des Gerrit Terdenge schiefgelaufen?

Der feine Unterschied

Punkt eins: Offense. Wer im Rampenlicht stehen will, der muss im Angriff mehr Akzente setzen. „Ich war aber immer jemand, der das Spiel auf sich zukommen ließ. Ich hätte aggressiver spielen müssen.“ Terdenge fühlt sich im Setplay zu Hause, er ist ein Freund von „strategischem Basketball“. Er ist keiner, „der schlechte Würfe erzwingen würde“. Und er glaubt auch nicht, dass „man mit Eins-gegen-eins auf höchstem europäischen Niveau Erfolg hat“.

Punkt zwei: Fortschritt. Es ist Pech, zu einem Jahrgang zu gehören, aus dem Nowitzki auf der Vier herausragt. „Aber selbst um einen Spieler wie Okulaja verdrängen zu können, hätte ich mich besser entwickeln müssen.“ In Frankfurt ist er 2000 auf einem guten Weg, doch als die Skyliners Kontakt mit Marcus Goree aufnehmen, geht er nach Köln und zu Svetislav Pesic. „Pesic sollte mehr aus meinem Spiel rauskitzeln und mich auf ein höheres Niveau bringen.“

Punkt drei: Verletzungen. In Köln plagen Terdenge plötzlich mysteriöse Leistenschmerzen. Ärzte stellen falsche Diagnosen, Terdenge fällt monatelang aus. Erst ein Besuch bei Dr. Müller-Wohlfahrt bringt Gewissheit: Beckenfehlstellung. Eine Lappalie. Nach drei Wochen ist Terdenge fit. Das Selbstvertrauen aber ist weg – und der Stempel auf der Stirn. „Die Leute denken, dass du ständig verletzt bist.“ Insgesamt kostet ihn die ganze Geschichte drei wertvolle Jahre.
Nach dem verkorksten ersten Jahr in Köln fehlt es an Angeboten. Im zweiten sitzt er meist auf der Bank. Mit dem Wechsel in die spanische Enklave Melilla verschwindet Terdenge endgültig von der Bildfläche. „Aus dieser Schublade wieder rauszukommen“, sagt er, „ist verdammt schwer. Drei Jahre ohne gutes Niveau sind zu viel.“ Vielleicht wäre ohne die Fehldiagnose alles anders gekommen. „Vielleicht hätten dann andere Mechanismen gegriffen.“ Noch heute fragt ihn ein Jugendfreund, warum er eigentlich in Gießen spielt.

Statistisch gesehen war die vergangene Saison bei den 46ers seine beste seit Frankfurt (10,3 Punkte, 5,0 Rebounds, 50,9 FG%). Die Zahlen lügen nicht. Es fühlte sich auch so an. „Ich hätte sogar noch besser spielen können“, sagt Terdenge. Und ausgerechnet jetzt kommen die Fragen nach dem Alter. „Das ist schon ungewohnt. Man merkt, dass man älter geworden ist, aber es ist ein komisches Gefühl, wenn man hört, dass man jetzt ein alter Spieler sein soll. Das Bewusstsein ist schon da, dass die Zeit drängt. Aber ich bin noch nicht so weit“, sagt Terdenge. Und dann noch dieser Satz. „Ich sehe keinen Grund, ans Aufhören zu denken.“



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