Gastschreiber

Science City Jena

Sale an der Saale - Viva Colonia

Lomax am 23.11.2007 um 00:06

Sein Markenzeichen war das weiße Stirnband auf kahlrasiertem Schädel, seine Vita ist lang und imposant, seine rechte Hand hat graue Haare und trägt meist karierte Hemden. Die Rede ist von keinem geringeren als Sasa „Sale“ Obradovic. Der 38-jährige Welt- und Europameister, Korac-Cup-Gewinner, Olympia-Vize und mehrfache Champion diverser nationaler Titel steht bereits im dritten Jahr als Trainer bei den Kölner Jecken unter Vertrag. Aus der längst vergangene Zeit des Spielers Obradovic blieb lediglich die Glatze und jene Aura der Unnahbarkeit, die ihm nicht selten als Arroganz ausgelegt wird.

Er tauschte sein rot-weißes Nike-Outfit gegen dunklen Armani-Zwirn, die Vasallen an der Seite des Spielers wichen dem bosnischen Ziehvater Prodanovic und so verlief die Metamorphose vom Anführer auf dem Parkett zum Befehlshaber an der Linie fast fließend. Im Inneren blieb sich der Serbe, dem Basketball „alles bedeutet“ immer treu. Bleibt die Schattenseite von Obradovic – sein Englisch, you know.

Die rüstigen Riesen aus der Hauptstadt des Fastnacht-Frohsinns haben einen drastischen personellen Umbruch hinnehmen müssen. Nicht weniger als acht Akteure verließen die Domstadt-Prinzen im Sommer 2007. Ob es letztendlich am Kölsch oder einer anderen Währung lag, die Spieler nicht in der Lage waren Viva Colonia anzustimmen, oder dem dynamischen Duo an der Bande überdrüssig wurden wird man wohl nie erfahren. Ein sieben neue Spieler umfassender, hauptsächlich aus spät80igern bestehender Generationen-Mix von College-Boys und Balkan-Talenten enterte stattdessen den ehemaligen rheinischen Luxusliner und soll Kaiser und König ins gelobte Land führen.

Während sich unter den Abgängen namenhafte BBL-Dauerbrenner wie Mallet, Gortat oder Grünheid bzw. europäische Ausnahmeakteure wie Marcus Faison wiederfinden, beschränkte man sich bei den Neuerwerbungen auf unerfahrene Spieler mit Perspektive. Angefangen bei einem Center, der an der Außenfassade eines Reihenhauses die Dachrinne im Stehen putzen kann (Nedzad Sinanovic misst stolze 2,21m), über einen College-Freiwurfgott, der momentan aus 1 Meter Entfernung ein hektargroßes Erdbeerfeld verfehlt (Babyface Derek Raivio), bis hin zu einem centergroßen Flügel (Marko Keselj – gesprochen Käschäl), dessen Nachnamens-Aussprache drei Fahndungs-Abende im serbischen Google bedeuteten.

Dass den Kölnern seit dem Absprung ihres Energie-Riesen „RheinEnergie“ selbige zu fehlen scheint, zeigt ein kurzer Blick auf die Tabelle der Bundesliga. Mehr schlecht als recht mogeln sich die Jecken durch das bisherige Spieljahr, wohl wissend, dass jede Niederlage den Pegel des Rhein nach oben drückt. Die bisher nur mäßigen sportlichen Leistungen sind allerdings genau diesen finanziellen Einbußen im geschätzten 6–stelligen Bereich geschuldet, den die Domstädter durch den Sponsoren-Verlust zu verkraften haben. Auch eine Ablöse aus der NBA, die Orlando Magic legten für Marcin Gortat, den längsten Polen jenseits des Atlantiks, stolze 500.000$ auf den Tisch, stopfte die Etat-Lücke nur bedingt.

So reagierten die 99ers zuletzt mit der Verpflichtung von Toby „Garfield“ Bailey, der die beiden verbliebenen Kölner Krieger – Aleksandar Nadjfeji (drehte im Vertragspoker eine BBL-Ehrenrunde) und Immanuel McElroy (verlängerte vor dem Aderlass um 2 Jahre) – inmitten vieler Knaben unterstützen soll. Während es sich bei Aleks Nadjfeji um einen der intelligentesten und teamfähigsten Flügelspieler der Liga handelt, wartet mit Stopper IMac eine Defensiv-Granate der besonderen Art auf Jenas Backcourt.

Bailey hingegen hat eine bewegte Vergangenheit hinter sich. Im legendären 95er UCLA-Team mit den beiden O´Bannon-Brüdern, Tyus Edney und Jiri Zidek den NCAA-Titel holend, zogen ihn die Lakers im Sommer 98, im starken Vince Carter-Draft, wenn auch weit hinten an 45. Noch im Juni nach Phoenix verschifft, verkümmerte er zwischen US Airways Center und den Kakteen Arizonas zum Rollenspieler. Engagements in Griechenland, Italien und ganz am Ende in Oostende (Belgien) folgten, bevor er nun im zweiten, dem eigentlich ersten Zelt der Liga den Lückenfüller für Derrick Byars spielt.

Zwei deutsche Zungenbrecher vervollständigen den Kölschen Korbball-Klüngel. Während Power-Büffel Yassin Idbihi seine Gegner durch die Zone prügelt, wirbelt die personifizierte One Hair Show im Spielaufbau. Eyinmisan Edward Ogharanemeye Nikagbatse, der Mann mit dem 3-Meter breiten Reisepass, in Basketballkreisen kurz Misan genannt, kehrte von seinem Pasta-Abenteuer bei Premiata Montegranaro nach Deutschland zurück. Sofern jemand den letzten Satz unfallfrei aussprechen kann, Gratulation bis zum Textende ist es nicht mehr weit ...

Aus dem Vorjahreskader verblieben und nicht selten durch starke Leistungen in Kukics NBBL-Crew glänzend, stehen mit Philipp Schwethelm, Davis Martens und Tibor Pleiß drei mehr als talentierte Youngster auf dem Sprung, sich in den nächsten Jahren aus den Nachwuchs-Nationalmannschaften für höhere Aufgaben zu empfehlen. So unspektakulär ihre Namen, so unspektakulär jedoch leider auch ihre bisherige Spielzeit in Liga Eins.

Jenas Trainer Björn Harmsen sieht der Begegnung mit dem Kölner Team entspannt entgegen. „Wir haben mit dem Heimspiel, unser immer besser zusammenwachsenden Mannschaft und den Fans im Rücken eine sehr gute Ausgangsposition. Der Zeitpunkt gegen Köln zu spielen, ist sehr gut, da sich die 99ers noch nicht am Optimum spielen.“

Hinsichtlich der Kritik bezüglich des nur anfänglich existierenden Teamspiels in Berlin entgegnete Harmsen: „Uns sind im Angriff die Optionen ausgegangen. Daher haben wir versucht, den Ball in die Hände des individuell besten Spielers zu bringen. Unser Teamspiel wird aber schon gegen Köln wieder variabler laufen.“

Wie von Manager Hausdörfer zu erfahren war, läuft der Vorverkauf für die Partie gegen Köln hervorragend. „Wir wollen den Spaßfaktor erhöhen und haben uns neben den bisher üblichen Aktionen etwas Neues für die Fans einfallen lassen. In der Halbzeit wird erstmals der „goldene Wurf“ durchgeführt. Von Jenas Sponsoren Rameder und dem Opel Autohaus Weise bereitgestellt, hat ein noch zu ermittelnder Zuschauer die Möglichkeit, bei einem Treffer von der gegnerischen Freiwurflinie mit einem goldenen Opel Tigra Cabrio heimzufahren. Zudem wird die extra anrückende Feuerwehr den ersten 100 eingelassenen Fans am Zelt Gratis-Glühwein ausschenken.

Auch wenn der Tigra aufgrund eines Airballs stehen bleiben sollte, so lang die Feuerwehr ausschenkt und Science City den Gästen einschenkt, dürfte es Basketball-Thüringen egal sein, wie man heimkommt. Ob mit Bus, Bahn oder einem zehn Jahre alten Nissan....

Lomax

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