Gastschreiber
Science City Jena
St. Patricks Day in Jena
Lomax am 12.11.2007 um 14:51
Zunächst die nackten Fakten: Jena 104 Punkte, Göttingen 84, Coach Björn Harmsen glücklich und stolz, sein Kontrahent John Patrick überrascht und geknickt, miserable 30 Jenaer Ballverluste, dafür aber sensationelle knapp 70% 3er, ernüchternde 63% Freiwürfe, dafür satte 42 Rebounds. Einen historischen Bundesligasieg feierte Science City Jena gegen den Mitaufsteiger, die BG Göttingen, in einem Duell, dass die 3000 Zuschauer zählende Rekordkulisse mehrfach aus den blauen Sitzschalen riss.
Während dieser Semi-Blowout nach dem Spiel während der Pressekonferenz bei Harmsen für den obligatorischen Stolz sorgte, gab der leicht angeknockte BG-Trainer John Patrick selbstkritisch zu „die Niederlage geht auf meine Kappe“. Doch was war geschehen ? Wie gelingt es einem Team, dass sonst mit ruhiger Halbfeld-Offense und strukturiertem Systembasketball glänzt – wir nennen es hier mal als Pendant zum Göttinger „Guard-Terror“ die „Flügel-Schläfer-Strategie“ – dreistellig zu punkten und den Gegner mit 20 aus der Halle zu schicken ?
Ganz einfach, man lässt den Gegner in dem Glauben, ihn mit der üblichen Basketball-Philosophie so lang zu zermürben, bis er genau das selber mutmaßt. Während John Patrick einen kurzen Einblick in seinen Gameplan gewährte: „Wir wollten Jena zu vielen Ballverlusten zwingen und mit 80 Punkten den Sieg einfahren“ entgingen ihm, wie so viele Anderen auch, zwei grundlegende Dinge.
Seit 2 Wochen probte Science City den eigenen „Flügel-Terror“, nun waren es ausgerechnet die sonstigen „Perimeter-Attentäter“ der BG, die ihrer ursprünglichen Stärke zum Opfer fielen. Gepaart mit der auch bei Niederlagen immer funktionierenden Jenaer Defense war diese Mixtur für die Gäste tödlich. Während es Göttingen zwar gelang Jena Ballverluste anzuhängen, die sonst für 3 Spiele reichen, ging das Soll mit den 80 Zählern gründlich in die Hose.
Spektakuläre Szenen mit unglaublichen Würfen und ansatzlosen Dreiern, gemixt mit gewaltigen Dunks oder Blocks der Marke „nicht in meinem Zelt“, Zuschauer die sich zunächst die Haare rauften, vor Anspannung auf ihren Nägeln kauten, um in der nächsten Situation wieder aufzuspringen und scheinbar unmögliche Treffer zu bejubeln, das Spiel gegen Göttingen bot das volle Programm.
Schon das Start-Viertel zeigte wohin die Reise geht. Mit dem hohen Score von 28:21 endeten die ersten zehn Minuten. Ein Spielstand, der nur wenige Punkte von den sonstigen Halbzeitergebnissen abwich und auch in den drei folgenden Abschnitten seine Fortsetzung fand. Den ersten „Unwurf des Tages“ fabrizierte Mark Davis in der 13. Minute. Von 2 Gegnern in die äußerste rechte Ecke des Perimeters gedrängt, bewies der NBA-Veteran, dass auch aus der Hüfte scharf geschossen wird. Sein eigentlich unmöglicher 3er rauschte mit einer fast waagerechten Wurfkurve durch die Gäste-Reuse.
Während die Göttinger Guards es ihren Centern meist unmöglich machten, auch nur in die Nähe eines 3 Sekunden-Pfiffs zu kommen, die enorme Abschlussgeschwindigkeit der Niedersachsen ähnelte eher einem 1MB großen Download mit DSL, nahmen die Hausherren zumindest zwischenzeitlich mal 20 Sekunden von der Uhr. Durch die Spielweise „rauchende Colts“ auf dem Parkett mussten vor allem die Journalisten mit flinken Fingern schreiben, um bezüglich konkreter Zwischenstände überhaupt noch hinterherzukommen. Ein kurzer Blick aufs Scouting bedeutete nicht selten - 3 Angriffe verpasst.
Nun, man kann zwar nicht sagen, dass Göttingens Fünfer unter dem Korb verhungerten – vor allem Michael Schröder „stand gut im Futter“ – jedoch dienten sie meist nur als Zwischenstation einer Ballstafette, an deren Ende der übliche Distanzwurf stand. Eine erste Schwächephase der Jenaer Rutsch-Kolonne auf der Point Guard Position nutzten die Gäste, um wieder in die Partie zu kommen. Nachdem Science City aus dem Spiel eine Wissenschaft gemacht hatte und den Gästen Bälle reihenweise schenkte, stand es in der 18. Minute plötzlich nur noch 42:41. Ein 11-Punkte-Run klärte die Fronten zu Gunsten der Thüringer bis zur Pause jedoch wieder zum 53:41.
Wie ein Trichter muss Göttingens Korb gewirkt haben, da auch in Halbzeit 2 die Jenaer 3er-Bomben ansatzlos und ohne Ringberührung fielen. Dass es schließlich sogar im Sitzen funktioniert, testete Mark Davis mit seinem zweiten Zirkus-Wurf des Abends. Auf Höhe der Göttinger Freiwurflinie ausgerutscht und anschließend sitzend, warf Davis den Ball einfach in Richtung Gäste-
Korb. Dieser prallte vom Brett ab und trudelte unter dem ohrenbetäubenden Jubel der Jenaer Fans zum 66:45 (24.) durch die Reuse. „Wenn sogar die Dinger fallen, bist du als Gegner machtlos“, philosophierte ein routinierter Mitfünfziger ein Reihe weiter. Nachdem sich beide Teams in der 30. Minute beim 76:62 die letzte Pause gegönnt hatten, ging es in den Schlussabschnitt. Immer hinterherlaufend, jedoch nie aufsteckend, probierte Göttingen bis zur 37. Minute die Partie mit ihrer unorthodoxen Spielweise zu drehen. Science City lies sich jedoch nicht mehr aus der Ruhe bringen und fuhr den überlebenswichtigen ersten Sieg ein.
Den ersten erfreulichen Schritt haben die Thüringer gemacht, weitere müssen und werden folgen. Während Jena trotz des Sieges die rote Laterne behält, hat man zumindest die Spitzenposition in der Tabelle der Ballverluste zementiert. Sollte es jedoch immer so laufen, dass sich weggeworfene Bälle mit derartigen Wurfquoten aus der Distanz so harmonisch ergänzen, kann man den ersten Turnover am nächsten Samstag in der Berliner Max-Schmeling Halle irgendwie gar nicht mehr abwarten.
Lomax
Fotos: Christian Waitschies
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Während dieser Semi-Blowout nach dem Spiel während der Pressekonferenz bei Harmsen für den obligatorischen Stolz sorgte, gab der leicht angeknockte BG-Trainer John Patrick selbstkritisch zu „die Niederlage geht auf meine Kappe“. Doch was war geschehen ? Wie gelingt es einem Team, dass sonst mit ruhiger Halbfeld-Offense und strukturiertem Systembasketball glänzt – wir nennen es hier mal als Pendant zum Göttinger „Guard-Terror“ die „Flügel-Schläfer-Strategie“ – dreistellig zu punkten und den Gegner mit 20 aus der Halle zu schicken ? Ganz einfach, man lässt den Gegner in dem Glauben, ihn mit der üblichen Basketball-Philosophie so lang zu zermürben, bis er genau das selber mutmaßt. Während John Patrick einen kurzen Einblick in seinen Gameplan gewährte: „Wir wollten Jena zu vielen Ballverlusten zwingen und mit 80 Punkten den Sieg einfahren“ entgingen ihm, wie so viele Anderen auch, zwei grundlegende Dinge.
Seit 2 Wochen probte Science City den eigenen „Flügel-Terror“, nun waren es ausgerechnet die sonstigen „Perimeter-Attentäter“ der BG, die ihrer ursprünglichen Stärke zum Opfer fielen. Gepaart mit der auch bei Niederlagen immer funktionierenden Jenaer Defense war diese Mixtur für die Gäste tödlich. Während es Göttingen zwar gelang Jena Ballverluste anzuhängen, die sonst für 3 Spiele reichen, ging das Soll mit den 80 Zählern gründlich in die Hose.
Spektakuläre Szenen mit unglaublichen Würfen und ansatzlosen Dreiern, gemixt mit gewaltigen Dunks oder Blocks der Marke „nicht in meinem Zelt“, Zuschauer die sich zunächst die Haare rauften, vor Anspannung auf ihren Nägeln kauten, um in der nächsten Situation wieder aufzuspringen und scheinbar unmögliche Treffer zu bejubeln, das Spiel gegen Göttingen bot das volle Programm.
Schon das Start-Viertel zeigte wohin die Reise geht. Mit dem hohen Score von 28:21 endeten die ersten zehn Minuten. Ein Spielstand, der nur wenige Punkte von den sonstigen Halbzeitergebnissen abwich und auch in den drei folgenden Abschnitten seine Fortsetzung fand. Den ersten „Unwurf des Tages“ fabrizierte Mark Davis in der 13. Minute. Von 2 Gegnern in die äußerste rechte Ecke des Perimeters gedrängt, bewies der NBA-Veteran, dass auch aus der Hüfte scharf geschossen wird. Sein eigentlich unmöglicher 3er rauschte mit einer fast waagerechten Wurfkurve durch die Gäste-Reuse.Während die Göttinger Guards es ihren Centern meist unmöglich machten, auch nur in die Nähe eines 3 Sekunden-Pfiffs zu kommen, die enorme Abschlussgeschwindigkeit der Niedersachsen ähnelte eher einem 1MB großen Download mit DSL, nahmen die Hausherren zumindest zwischenzeitlich mal 20 Sekunden von der Uhr. Durch die Spielweise „rauchende Colts“ auf dem Parkett mussten vor allem die Journalisten mit flinken Fingern schreiben, um bezüglich konkreter Zwischenstände überhaupt noch hinterherzukommen. Ein kurzer Blick aufs Scouting bedeutete nicht selten - 3 Angriffe verpasst.
Nun, man kann zwar nicht sagen, dass Göttingens Fünfer unter dem Korb verhungerten – vor allem Michael Schröder „stand gut im Futter“ – jedoch dienten sie meist nur als Zwischenstation einer Ballstafette, an deren Ende der übliche Distanzwurf stand. Eine erste Schwächephase der Jenaer Rutsch-Kolonne auf der Point Guard Position nutzten die Gäste, um wieder in die Partie zu kommen. Nachdem Science City aus dem Spiel eine Wissenschaft gemacht hatte und den Gästen Bälle reihenweise schenkte, stand es in der 18. Minute plötzlich nur noch 42:41. Ein 11-Punkte-Run klärte die Fronten zu Gunsten der Thüringer bis zur Pause jedoch wieder zum 53:41.
Wie ein Trichter muss Göttingens Korb gewirkt haben, da auch in Halbzeit 2 die Jenaer 3er-Bomben ansatzlos und ohne Ringberührung fielen. Dass es schließlich sogar im Sitzen funktioniert, testete Mark Davis mit seinem zweiten Zirkus-Wurf des Abends. Auf Höhe der Göttinger Freiwurflinie ausgerutscht und anschließend sitzend, warf Davis den Ball einfach in Richtung Gäste-
Korb. Dieser prallte vom Brett ab und trudelte unter dem ohrenbetäubenden Jubel der Jenaer Fans zum 66:45 (24.) durch die Reuse. „Wenn sogar die Dinger fallen, bist du als Gegner machtlos“, philosophierte ein routinierter Mitfünfziger ein Reihe weiter. Nachdem sich beide Teams in der 30. Minute beim 76:62 die letzte Pause gegönnt hatten, ging es in den Schlussabschnitt. Immer hinterherlaufend, jedoch nie aufsteckend, probierte Göttingen bis zur 37. Minute die Partie mit ihrer unorthodoxen Spielweise zu drehen. Science City lies sich jedoch nicht mehr aus der Ruhe bringen und fuhr den überlebenswichtigen ersten Sieg ein.Den ersten erfreulichen Schritt haben die Thüringer gemacht, weitere müssen und werden folgen. Während Jena trotz des Sieges die rote Laterne behält, hat man zumindest die Spitzenposition in der Tabelle der Ballverluste zementiert. Sollte es jedoch immer so laufen, dass sich weggeworfene Bälle mit derartigen Wurfquoten aus der Distanz so harmonisch ergänzen, kann man den ersten Turnover am nächsten Samstag in der Berliner Max-Schmeling Halle irgendwie gar nicht mehr abwarten.
Lomax
Fotos: Christian Waitschies
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