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ratiopharm Ulm

Ulms Trainer Mike Taylor im Schoenen-Dunk-Interview

sid am 31.05.2007 um 18:36

Nach 3 erfolgreichen Saisons in der zweiten Liga hat Ulms Trainer Mike Taylor nun erstmals deutsche BBL/Luft geschnuppert. Dabei hat seine Spielweise einige begeistert und das Ergebnis sicherlich die meisten überrascht. Neben der Arbeit als Trainer ist Mike Taylor als NBA-Kommentator beim britischen Fernsehen, schreibt als Autor für Eurobasket und pflegt regelmäßig seinen eigenen Webauftritt Taylorhoops und veröffentlich Vor- und Nachberichte seiner Spiele. Schoenen Dunk sprach mit Mike T über die vergangene Saison, sein Weg zum Basketball und seine weiteren Pläne als Coach und mit Ulm.

Die reguläre Saison ist vorbei und Ulm hatte bis zuletzt Chancen, die Playoffs zu erreichen. Wie lautet dein Saisonfazit?

Mike: Wir sind sehr stolz auf unsere erste BBL-Saison. Ich denke, dass wir uns als Team und als Spieler sehr gut entwickelt haben. Ich bin mit dem Fortschritt, den unsere Spieler, sei es Jeff Gibbs, Jonathan Levy, Konrad Wysocki oder Florian Möbius, gemacht haben, sehr zufrieden. Ich glaube auch, dass Austin Rowland und Bryan Lucas genau die richtigen Ergänzungen im Kader waren. Für mich als Trainer war es ein großes Vergnügen zu sehen, wie unsere Spieler Erfahrungen gesammelt und sich verbessert haben. Die Jungs haben sehr hart gearbeitet und einen großen Schritt nach vorn gemacht. Unser Ziel war der Klassenerhalt und das haben wir bei weitem übertroffen. Es war sowohl eine aufregende, als auch eine spaßige Saison für uns.

Die ersten Entscheidungen für die nächste Saison sind gefallen. Jeff Gibbs, Konrad Wysocki, Bryan Lucas, Florian Möbius, EJ Gallup und du selbst haben ihre Verträge verlängert. Emeka Ereges Vertrag läuft noch eine weitere Saison und die ersten Tryouts zur neuen Saison liegen bereits hinter dir. An welchen Stellen willst du das Team verbessern?

Mike: Wir wollen daran weiterarbeiten, den kompletten Verein Schritt für Schritt nach Vorne zu bringen. Wir stellen unser Team auf unsere Art und Weise zusammen und ich glaube fest an diese Richtung, in die wir gehen. Ich liebe es, in Ulm zu coachen, die Arbeit mit Thomas Stoll und dem gesamten Management. Unser Kapitän Emeka Erege, Jeff Gibbs, Konrad Wysocki, Bryan Lucas und Florian Möbius geben uns und den Ulmer Basketball Fans einen Grund, auf die nächste Saison gespannt zu sein. Wir werden genau analysieren, wo in dieser Saison unsere Stärken lagen und in welchen Bereichen wir uns verbessern können und müssen. Mit diesem Wissen wollen wir das bestmögliche Team zusammenstellen, das unser Etat zulässt.

Es scheint, dass Ulm ein großes Problem in der Verteidigung hat. Auf der einen Seite stellte man das zweibeste Offensivteam, auf der anderen Seite kassierten nur die Absteiger Nürnberg und Karlsruhe mehr Körbe. Die meisten Playoffkonkurrenten erlauben ihren Gegnern im Schnitt 6 Punkte weniger als Ulm. Liegt das an einer fehlenden Konzentration oder Einstellung?

Mike: Unsere Offensive war diese Saison sehr gut, allerdings bin ich auch ein Coach, der eben seinen Fokus auf den Angriff legt. Unsere Spieler zeigen dies mit unseren Systemen und Spielstil. Unsere Defense ist allerdings auch kein so großes Problem. Wir haben die Verteidigung im Laufe der Saison um einiges verbessert. Es hat weniger mit der Konzentration oder Einstellung als mit dem Spielstil zu tun. Alles basiert auf der Philosophie des Trainers. Ein Trainer muss dem Team helfen, seine Stärken auszuschöpfen. Als Aufsteiger war unser Ansatz, das Team zu halten und mit nur 2 Spielern zu ergänzen. Das Ergebnis war ein talentiertes, aber "undersized" Team. Um unserem Team die beste Ausgangsbasis zu geben, entschieden wir uns einen möglichst schnellen, offensiven Basketball zu spielen. Um Schwächen in der Verteidigung zu kaschieren, pressten wir und änderten die Verteidigungsart in einer Art und Weise, wie es wenige BBL-Teams machen. Statistiken können gedreht und gewendet werden und geben viele Interpretationsmöglichkeiten. In einem schnelleren Spiel gibt es mehr Ballbesitze und daraus resultieren auch mehr Körbe. Wichtiger als diese Zahlen sind aber die Anzahl der Siege und Niederlagen und die Effizienz, mit der das Team spielt. Am Ende kommt es darauf an, das vorhandene Potential zu maximieren: Bist du so gut, wie du sein kannst? Ich glaube, dass wir unser Potential diese Saison sehr gut ausgeschöpft haben und wir sind damit sehr glücklich. An der Verteidigung werden wir, genau wie in anderen Bereiche des Spiels, in Zukunft weiter hart arbeiten.

Sprechen wir über dich. Auch dein Vater ist ein Basketballtrainer. Hat er dein Leben dadurch beeinflusst?

Mike: Mein Vater ist der einzige, der einen großen Einfluss auf meine Karriere hatte. Ich hatte sehr viel Spaß, als ich mit seiner Mannschaft Zeit verbringen und ihm beim Training zuzuschauen konnte. Als kleiner junge war ich Balljunge für sein Team und saß immer am Ende der Bank und aß Popcorn. Er nahm mich zu Spielersichtungen mit und wir redeten viel über die Spiele und das Trainieren im Allgemeinen. Er half mir, eine Basketball-Philosophie zu finden. Ich rede immer noch sehr viel über unser Team und die Spiele. Er war ein fantastisches Vorbild für mich, ich bin sehr stolz auf ihn und ihm auch sehr dankbar. Ich bin immer sehr glücklich, wenn er nach Ulm kommen kann, um unser Team zu sehen. Basketball ist in unserer Familie sehr wichtig. Wie der Vater, so der Sohn, kann man glaube ich sagen. Coachen ist eine spezielle Verbindung die wir teilen und tief in meinem Herzen bin ich sehr stolz, dass ich in seine Fußstapfen trete.

Träumst du davon, einmal in der NBA zu coachen, wie es auch dein Vater erreicht hat?

Mein Ziel ist es, der beste Basketballcoach zu sein, der ich sein kann. Wenn ich es damit in die NBA oder Euroleague schaffe, wäre ich sehr glücklich. Doch im Augenblick ist Ulm meine NBA und tief in meinem Herzen liebe ich die tägliche Herausforderung hier. Der Traum der NBA? Ja, ich persönlich habe das Traumziel eines Tages in der NBA oder Euroleague zu coachen. Mein Vater arbeitete in den späten 70ern unter Willis Reed bei den NY Knicks und war zuständig für die Defense. Mein Vater hatte den Ruf, ein guter Lehrer zu sein, insbesondere bei der Verteidigung. Das kommt aus der Zeit, als er Assistent Coach unter Bob Knight in West Point war. Seine Karriere brachte ihn in die NBA, doch am meisten Spaß hatte er in der Divison II, da er hier mehr Zeit mit seiner Familie verbringen konnte. Wie gesagt, mein Ziel ist es, der beste Coach zu werden, der ich sein kann und meine aktuelle Aufgabe ist immer die wichtigste und so gehe ich diese auch an.

Basketball ist für dich mehr als Hobby und Beruf, die lebst Basketball. In den letzten Jahren hast du oft in der USBL als Assistant Coach gearbeitet, anstatt die Sommerpause Urlaub zu machen. Wirst du nicht müde, das ganze Jahr zu trainieren?

Mike: Ich liebe es, in der Halle zu stehen und die Mannschaft zu trainieren. Coachen macht mir unheimlichen Spaß und ich genieße es. Nach dem Beispiel meines Vaters habe ich eine Leidenschaft dafür entwickelt. Ich denke darüber nicht nach. Zur Zeit habe ich sehr viel Energie und ich bin begeistert von den Herausforderungen und davon, immer besser zu werden. Aktuell ist die Zeit in meinem Leben, diese Erfahrungen zu machen, also will ich das nutzen. Ich liebe es, dass die Saison in Europa so lang ist, dass ich mit meinen Jungs so oft in der Halle stehen kann. Für mich gibt es derzeit keinen Platz, an dem ich lieber wäre, als in der Halle um das Ulmer Team zu trainieren.

Zurück zum deutschen Basketball. Du trainierst bereits das vierte Jahr in Ulm und du kennst du BBL und die zweite Liga. Wo liegen die Unterschiede?

Mike: Die Unterschiede der beiden Ligen sind wie Tag und Nacht. Erstens hast du größere, athletischere Spieler. Zweitens hast du erfahrenere Spieler und drittens sind die Teams tiefer besetzt und es kommen mehr Spieler von der Bank, die ein Spiel beeinflussen können. Zuletzt ist der Konkurrenzkampf viel größer und der Wettbewerb härter. Unsere Spieler machten diese Saison einen großen Sprung nach vorne und ich bin sehr stolz auf die harte Arbeit, die sie geleistet haben. Ich liebe die Herausforderungen, die die BBL bietet.

Wie hat die Aufhebung der Ausländerbeschränkung die das Spiel beeinflusst oder gar verändert? Ist die Entwicklung positiv für die Liga?

Mike: Es ist einfach, zu kritisieren oder sich über Sachen zu beschweren, die nicht perfekt sind, aber ich denke man sollte den Reformen Zeit geben, ein paar Saisons warten. Offensichtlich haben einige Menschen, denen Basketball wichtig ist, diese Idee auf den Weg gebracht und ich denke, dass wir diese Entwicklung nach einigen Saisons von BBL, ProA, ProB und NBBL besser bewerten können. Regeln sind nun mal die Regeln und alles innerhalb dieser Regeln ist zulässig. In Ulm haben wir uns dazu entschieden, das Team auf unsere Art zusammenzustellen und auf die Entwicklung Wert zu legen, da wir daran glauben und auch durch das enge Budget dazu gezwungen sind. Der Punkt ist, das Beste aus den Regeln zu machen. Jeder macht es auf seine Art. Am Ende glaube ich, dass die NBBL, ProA und ProB gut für deutsche Spieler sind, da ihr Schwerpunkt auf der Entwicklung liegt. Jede Stufe verschiebt den Schwerpunkt von der Entwicklung in Richtung Siegen, bis es - letztendlich - in der BBL nur um Siege geht. Ich blicke zuversichtlich auf die Entwicklung, aber die Zeit wird es zeigen.

Manche Fans bedauern die Entwicklung der Liga. Sie denken, dass das Niveau sinkt und das Teamspiel weniger wird. Als Maßstab wird das Verhältnis Assists/Turnover genommen, bei dem nur Ulm und Bremerhaven an der 1.0 kratzen. Alle anderen Team verlieren den Ball deutlich häufiger, als Mitspieler in Szene zu setzen. Was sagst du zu dieser Kritik?

Mike: Ich denke nicht, dass der deutsche Basketball so anders ist, als in anderen Ländern. Manche Mannschaften spielen als Team, andere verlassen sich auf 1 gegen 1. Ich halte die BBL nicht für eine 1on1-Liga. Die britische Basketballliga ist eine und der Unterschied ist riesig zwischen den beiden Ligen. Das ist allerdings kein speziell deutsches Problem, schau in die NBA: Wie gut war das Mannschaftsspiel der Grizzles oder gar der Knicks diese Saison? Siege heilen viele Problem: Teamchemie und Mannschaftsspiel führt zu Siegen und das wiederum verbessert die Stimmung im Team und das Zusammenspiel. Ich denke, das Thema ist eher eine Diskussion über die Philosophie, ein Team zusammenzustellen. Als amerikanischer Coach bin ich der erste, der dir sagt 10 Amerikaner zu verpflichten sei der einfachste Weg, einem Team mehr Talent zu geben, doch das ist nicht meine Art, ein Team zusammenzustellen. Viele Import-Spieler mögen die Art nicht, wie man in Europa erfolgreich spielt, oder sie verstehen sie nicht 100%. Amerikaner müssen zum Beispiel den europäischen Spielstil annehmen und verinnerlichen, doch einige sehen das nicht ein. Das sieht man in der Einstellung des Spielers. Manche Spieler schaffen diese Umstellung problemlos, andere scheitern daran, egal welchen Hintergrund sie haben. In Ulm legen wir Wert darauf, ein Team mit festen Rollen zu verpflichten. Nicht jeder kann der Starspieler sein. Jedes Team braucht seine Stars, doch die Rollenspieler sind genauso wichtig. Ein Team aus 10 Amerikanern hat Probleme, dass jeder seine untergeordnete Rolle für eine ganze Saison akzeptiert. Ab einem gewissen Zeitpunkt schauen die Spieler auf die nächste Saison und ihren neuen Vertrag und versuchen auf Stats zu spielen. Auch wenn es einfach ist, dem Kader mit billigen Amerikaner tiefe zu verschaffen, sollte der Fokus auf der Rollenverteilung liegen und Rollenspieler, die hart arbeiten, für das Team spielen und sich aufopfern sollen dementsprechend gewürdigt werden. Der zweite Faktor sollte eine "deutsche Quote" sein. Wir spielen in einer deutschen Liga und eine gesundes Gleichgewicht zwischen Ausländern und deutsche Spielern ist für die Chemie und die Fans ideal. Ich mag die Art, wie manche Teams in der Liga spielen. Ludwigsburg war ein sehr gutes Beispiel in dieser Saison. Ich mag auch Bonn sehr gern. Es sind zwei Teams, die zusammenpassen und als Team auftreten. Ich denke, dass Silvano Poropat und Michael Koch bei der Teamzusammenstellung sehr gute Arbeit geleistet haben. Ich mag ihren Stil. Manchmal ist es aber sehr schwer. Es braucht nur ein oder zwei Stinkstiefel in der Mannschaft und schon stimmt die Teamchemie nicht mehr. Das beste ist es, Spieler mit Talent und Charakter zu finden. Gutes Rekrutieren führt zu weniger Problemen, doch ist gerade dies eine große Herausforderung, da solche Spieler teilweise schwer zu finden sind, besonders mit einem kleinen Etat. Wenn man einen Teamkern hat, auf dem man aufbauen kann ist das ein riesigen Vorteil.

Eine letzte Frage: Was sind eure Ziele für die nächsten zwei Spieljahre? Fürchtest du den Erwartungsdruck der Fans?

Mike: Wir werden unsere Pläne im Sommer diskutieren und dann angemessene Ziele vorgeben. Wir werden eine Saison nach der anderen angehen und für die Teamentwicklung und die der Spieler kurzfristige Saisonziele setzen. Die Erwartungen der Fans spielen da keine Rolle. Die Erwartungen der Fans sind immer hoch, aber ich glaube unsere Fans sehen den ständigen Fortschritt und freuen sich auf die Zukunft. Wir sind bereit für die Herausforderungen und erwarten sie mit erhobenen Hauptes. Das liebe ich an Ulm.

Vielen Dank an Mike Taylor für das Interview.

MadDodger

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