Science City Jena

Jena - Der Weg war das Ziel

Lomax am 12.05.2007 um 14:54

Als die 2.Liga-Saison 2006/2007 begann, starteten die POM baskets Jena nicht nur mit neuem Namen und Logo, auch die Trainerbank wurde neu besetzt, etliche Spieler verabschiedeten sich in Richtung BBL oder etablierten Zweitligisten (Rowland – Ulm, Taylor – Giessen, Braun – Chemnitz) und so schien für den Thüringer Basketball zunächst der Weg das Ziel.

Mit einem aus der Vorsaison noch bestehenden Korsett Alexander Seggelke, Lars Buss, Gregor Linke und Mischa Zlotowski, aufgefüllt durch den Anschlusskader der Sportgymnasiasten und verstärkt durch Routinier Sean McCaw und den Ex-Bremer Al Elliott trat Jena an, den Schatten des erfolgreichen Vizemeister-Spieljahres zu fangen. Platz 1 bis 3, so die von nicht wenigen Experten zu diesem Zeitpunkt belächelte Marschroute der Saalestädter, die sich unter Trainer-Rookie Björn Harmsen während des Köstritzer bibop-basket Cups im September erstmals der heimischen Fangemeinde präsentierten. Das es zu diesem Zeitpunkt gegen die Erstligisten aus Nürnberg und Paderborn noch nicht viel zu erben gab, war hinsichtlich der frühen Vorbereitungsphase keineswegs verwunderlich.

Der Saisonstart verlief holprig, einem knappen Heimsieg gegen Nördlingen folgte der Wake Up Call mit einer Niederlage in Crailsheim. Fortan lief das Spiel der baskets solide und in ruhigen Bahnen. Lediglich die 49:63-Niederlage gegen Chemnitz im Pokal ließ kurzzeitig die Sorgenfalten über das Offensivpotential der Mannschaft wachsen – die Verteidigung hingegen stand auch weiterhin so sicher wie das Bamberger Pentagon im Meisterjahr der Franken.

Als für die POM baskets der heiße Winter mit namenhafter Gegnerschaft begann, blieb der Club seiner defensiven Maxime treu, besiegte Heidelberg souverän in der OSP-Halle, um 7 Tage später während des „Wunders von Jena“ äußerst leidenschaftlich nachzulegen. Als nämlich am darauffolgenden Samstag die Bayreuther Gäste in der 6. Minute mit 17:0 in Front lagen, schienen die POM baskets dem totalen Untergang entgegenzusteuern. Die Thüringer jedoch zogen sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf und schlugen in einer wahrlich grandiosen Schlacht ein nach der Begegnung völlig konsterniertes Amelow-Team, welches nicht zum letzten Mal einen hohen Vorsprung verspielt haben sollte.

War dies das positive Extrem, so folgte im nächsten Heimspiel gegen Rastatt das negative. Der Supergau trat ein und so waren es diesmal die Jenaer, die eine hohe Führung preisgaben und dem Aufsteiger einen überraschenden 66:67-Sieg schenkten. Eine Niederlage in Langen beendete das Basketball-Pflichtspieljahr 2006 und wieder wurde die Skepsis hinsichtlich einer zu kleinen Rotation laut. Waren die physischen und mentalen Körner der Spieler aufgebraucht und der Tank der Leistungsträger leer?

Selbst wenn er es ein leerer Tank gewesen sein sollte hatten die Spieler um Kapitän Ali Seggelke über die Weihnachtsfeiertage genügend Zeit, nachzufüllen und ausreichend Kanister bereitzustellen. Hinsichtlich der Kontrahenten, die zu Beginn 2007 warteten, war dies auch bitter nötig. Chemnitz und Lautern, beide zu diesem Zeitpunkt noch dick im Aufstiegsrennen, waren die jeweiligen Favoriten – Jena indes fühlte sich in der Rolle des Underdogs pudelwohl. Mit zwei emotionalen und an die Grenzen der Zuschauergesundheit gehenden Siegen in der Hartmann-Hölle zu Chemnitz (81:79) und gegen die Pfälzer Teufel (87:71) katapultierte sich das Team wieder an die Spitze – Tabellenführer.

Weitere Gegner schienen lediglich Haltestellen auf dem Weg zum Gipfel. Nördlingen geschlagen, gegen Crailsheim revanchiert, mit Mainz die Halle ausgewischt, keiner schien Jena stoppen zu können - bis Freiburg kam. Frisch französisch und finnisch verstärkt entführte das Breisgau zwei wichtige Zähler aus Lobeda – zwei Punkte die am Ende gottseidank nicht ausschlaggebend waren. Doch wie schon bei den Back to Back-Niederlagen gegen Rastatt und Langen schloss sich nach dem ärgerlichen 80:82-Overtimedrama gegen Freiburg die Tragödie in der Münchener KICKZ-Halle an, in deren Verlauf die POM baskets (wiederum nach Verlängerung) mit 71:77 den Kürzeren zogen. Statt Tabellenführung lag Jena nun in Lauerstellung auf Rang 3.

Einem erst im Schlussgang sichergestellten Erfolg gegen die sich tapfer wehrende NBBL-Auswahl der Breitengüßbacher (69:56) folgte er dann endlich, der umgestoßene Bock in einer Verlängerung beim 78:65-Sieg in Ehingen. Der erste Sieg im Nachsitzen, trotz dürftigem Spielverlauf war mit Sicherheit unheimlich wichtig für die Psyche und Moral der Spieler. Nachdem sich anschließenden Pflichtsieg gegen Kirchheim war alles angerichtet – für Jenas Basketball-Frühling. Einem mehr oder weniger deutlichen 82:76 gegen den ehemaligen Favoriten aus Heidelberg folgte das Gastspiel in der Bayreuther Oberfrankenhalle.

4100 Besucher darunter 200 aus Jena waren gekommen, um das vermeintlich vorentscheidende Spiel im Aufstiegsrennen mitverfolgen zu können. Wurde bereits die Hinrunden-Begegnung aufgrund der Umstände des Spielverlaufs als „Crazy Game“ tituliert, so entwickelte sich die Rückrunden-Partie zum „Spiel, dem schnell die Superlative ausgehen sollten“ ... zumindest aus Sicht der Gäste.

Diesmal waren die POM baskets beim 9:29-Zwischenstand ernüchternde 20 Zähler hinten, bevor Jenas „Hallo Wach Effekt“ aus der Vorrunde einsetzte. Angeführt von Mischa Zlotowski und Kapitän Ali Seggelke verkürzten die Thüringer bis zur Halbzeit wieder auf 32:35 und jeder in der Halle sah, wie das Hinspiel langsam in die Psyche der Bayreuther Akteure kroch. Der am Ende verdiente 69:56-Sieg kann getrost als Meilenstein zum Gipfelsturm bezeichnet werden. Jena zeigte Mumm, die Spieler bewiesen Charakter und konnten mit dem sicheren Glauben an ihre Stärke in den Saison-Endspurt gehen.

Stationen des vor Saison nicht für möglich gehaltenen Meistertitels bildeten danach die Siege gegen Lich, Rastatt und vor allem eine die Konkurrenz schockende 100:54-Ansage gegen Favoritenschreck Langen. Das sich Jena die sportliche Qualifikation zur BBL ausgerechnet im 78:73-Overtime-Krimi gegen Chemnitz sichern konnte, tröstete über die vorerst letzte grandiose Ost-Derby-Atmosphäre hinweg. Möglich durch eine Überraschung der bereits abgestiegenen Rastätter gegen den letzten verbliebenen Mitkonkurrenten aus Kaiserslautern, hätte ein Drehbuch-Autor dieses Finale Furioso nur unwesentlich besser plotten können.

Aus dem ursprünglichen Pfälzer Do or Die Endspiel entwickelte sich somit eine Aufstiegsrundfahrt in Richtung Rand-Frankreich. Während die Thüringer Fans feiernd via Polonaise durch die Lauterer Halle marschierten, gab es für die Basketballer neben spitzen Ellenbogen und harten Fouls eine das Aufstiegsspieljahr beendende 79:94-Niederlage mit auf den Weg in die Heimat.

Das allerdings interessierte auf der Heimfahrt keinen mehr, denn das Ziel über den Weg war längst erreicht ...

Tom Prager, Schoenen Dunk e.V.

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